„Ihr legt euch doch nach Tisch alle schlafen, nicht wahr? Dann möchte ich vorm Kaffee noch eine Stunde zu meiner Freundin gehen.“
Es entstand eine allgemeine Stille. Die drei sahen einander an, niemand sah Metten an, niemand antwortete.
Vater sah mit einem unruhigen und fast hilfeflehenden Blick von einem zum andern, Onkel Jürgen trommelte auf den Tisch und sah erwartungsvoll aus, Tante Emilie räusperte sich und verzog die Winkel des zusammengekniffenen Mundes zu einer süßlichen Grimasse, die ein freundliches Lächeln vorstellen sollte.
Niemand sprach. Tante Emilie wollte sich nicht vordrängen. Sie hielt mit der Antwort zurück und wartete, ob nicht einer der beiden Herren das Wort ergreifen wollte. Aber sie schwiegen und sahen nicht aus, als ob sie gedächten, in der nächsten Minute die peinliche Stille zu unterbrechen.
Also war es an ihr, also durfte sie reden. Sie reckte sich auf und legte das Gesicht in Falten, die inniges Mitleid und eine ernste Besorgnis ausdrücken sollten. Aber Metten schien es, als ob die kleinen scharfen Äuglein funkelten, als ob der steif gestreckte magere Oberkörper zitterte in einer bösen Freude.
„Das wirst du wohl ausnahmsweise heute unterlassen müssen, mein liebes Kind!“ sagte sie mit sanftem Tonfall und messerscharfer Stimme. „Wir erwarten Nachmittag einen Besuch, der dich aufs dringendste angeht.“
„Mich?“ fragte Mette, und sah dabei ihren Vater an.
Aber Rudloff deckte die Augen mit den Lidern und bemühte sich, ein nervöses Zucken seines Mundes zu unterdrücken. Er antwortete nicht.
„Ja, dich!“ sagte Tante Emilie so liebenswürdig, als wollte sie ihr eine große Freude verkünden.
Mette fühlte in diesem Moment, daß irgend etwas Furchtbares sie bedrohte. Ihr war, als sähe sie sich von einem engmaschigen Netz umgeben, das in der nächsten Minute durch einen leisen Ruck von Tante Emiliens knochigen Fingern über ihrem Kopf zusammengezogen werden konnte.