Sie hatte die Empfindung, als ob alle Türen verschlossen, durch Wachen verstellt seien, und als ob nichts sie mehr retten könne, als im selben Augenblick, ohne Zögern, ohne Überlegung aus dem Fenster zu springen – und, was die Lunge hergab – durch die Straßen zu laufen, zu rasen, in wildester Flucht, zu Olga.
Sie wurde blaß und machte eine halbe Bewegung. Es war nicht einmal eine halbe, es war nur der Ansatz, es war nur der Wille zu einer Bewegung, der durch ihre Muskeln lief. Onkel Jürgen mußte es trotzdem bemerkt haben.
„Na, Mette!“ sagte er in einem etwas gezwungen gütigen und zuversichtlichen Ton, „nur ruhig Blut, mein Deern. Es will dir kein Mensch an den Kragen. Du mußt nur Vertrauen zu uns haben und mußt dir sagen, daß alles, was geschieht, ausschließlich zu deinem Besten geschieht. Und mußt dich bemühen, uns ein bißchen zu unterstützen in unseren Bestrebungen, die nur auf dein Wohl gerichtet sind und nicht etwa durch kindischen Trotz uns unsere Aufgabe erschweren. Dann werden wir auch in gemeinsamer Arbeit über diese Zeit wegkommen, und du wirst uns später sehr dankbar sein, daß wir dich mit liebevoller Gewalt auf den richtigen Weg geführt haben. Und wirst an diese Zeit jetzt zurückdenken, wie an einen schweren Traum, der gar keine Bedeutung hat für dein späteres Leben.“
Diese feierliche Ansprache steigerte Mettens dumpfes Unbehagen zu einem beinah irrsinnigen Angstgefühl. Das alles war fremd und unverständlich. Sie wußte, daß Tante Emilie jetzt nur auf eine Frage wartete, um mit einem Wortschwall loszubrechen. Darum fragte sie nicht: Was ist denn geschehen? Was wird denn geschehen?
„Aus dem Fenster! Aus dem Fenster!“ war das einzige, was sie dachte. Und im Moment, als sie draußen die Flurklingel schrillen hörte, zuckte sie zusammen und wußte: „Jetzt ist es zu spät!“
Das Hausmädchen kam hereingeschlichen, als käme sie in ein Krankenzimmer und brachte Franz Rudloff eine Karte.
Seine Hand zitterte, als er sie von dem kleinen silbernen Tablett nahm. Er mußte sich auf den Tisch stützen, um aufzustehen. Sein Gesicht sah verzerrt und verfallen aus.
„Haben Sie den Herrn Professor in mein Zimmer geführt? Ich komme!“
Er goß sich schnell noch einen Schluck Wasser in sein Glas. Die hartgestärkte Manschette rasselte gegen die Flasche.
Er ging hinaus mit einem sichtlichen Bemühen, gerade und aufrecht zu schreiten.