Er war nicht aus seiner Ruhe zu bringen.
„Ich weiß,“ sagte er in gelassenem, aber festem Ton, „daß Sie unter dem Einfluß einer Frau stehen, der für Sie höchst verderblich ist. Ich begreife Sie ja. Sie sind ein Kind. Ich will dieser Frau Geist und Liebenswürdigkeit gewiß nicht absprechen. Sie sind stolz auf diese Freundschaft und würden ihr alles zum Opfer bringen. Sie lassen sich durch diese Freundschaft auf die Bahn des Verbrechens treiben ...“
„Ach, Unsinn!“ sagte Mette.
„Ich verstehe, daß Sie mir widersprechen. Aber nehmen Sie einmal Ihren klaren Verstand zu Hilfe, und denken Sie logisch nach. Sie entwenden das Silberzeug aus dem Büfett Ihrer Eltern. Sie lassen sich von Ihrem Vater Stundengeld geben und legen das Geld dafür an, mit Ihrer Freundin Auto zu fahren, Sekt zu trinken, die Oper zu besuchen. Sie bezahlen die Schneiderrechnungen dieser Freundin mit Geld, welches Sie sich auf unrechtmäßige Weise verschafft haben. Ja, Kind, sehen Sie denn nicht selbst, auf welchen Abgrund Sie zusteuern?“
Woher wußten sie das alles? Wie durch einen aufflammenden Blitz erleuchtet, lagen die Zusammenhänge klar vor Metten.
Man hatte sie durch einen Detektiv beobachten lassen, auf Schritt und Tritt. Wo sie ging und stand, hatten fremde Augen an ihr geklebt, fremde Augen und Tante Emiliens Gedanken.
Der Mann in Wannsee ... und da vielleicht ... und dort auch. Das war es, was Olga so geängstigt hatte. Sie hatte es gewußt, gekannt, schon einmal durchgemacht. Arme Olla ...
Mette saß ganz still und rührte sich nicht. Ihr war, als ob erbarmungslose Hände ihr Stück für Stück der Kleidung vom Leibe rissen. Es waren nicht die Hände dieses fremden Mannes, es waren Tante Emiliens Hände, die das taten, es war Tante Emiliens Gesicht, das sie vor sich sah, hohngrinsend, geifernd vor böser Lust – langsam, langsam krampften sich Mettens Finger zu Fäusten zusammen – sie reckte den Hals vor, senkte die Stirn, verzerrte die Mundwinkel und schluckte gewaltsam.
Die Stimme des Professors wurde wieder ganz sanft und begütigend:
„Denken Sie doch einmal zurück an Ihre Kinderzeit! Haben Sie dieses Kinderfräulein, unter deren Einfluß Sie damals standen, nicht auch geliebt? Und sind Sie jetzt nicht froh und dankbar, daß man Sie von ihr getrennt hat? Genau so dankbar werden Sie uns später sein, wenn Sie erst zur Einsicht gekommen sind. Wenn Sie nachdenken, so wissen Sie ja jetzt schon in Ihrem tiefsten Innern Bescheid. Sie sind die treue Freundin. Sie lieben, Sie opfern sich auf. Und Sie werden ausgenutzt, als Spielzeug behandelt, bei Gelegenheit verleugnet und über kurz oder lang beiseite geworfen. Denken Sie denn, das wäre der erste Fall, der uns vor Augen kommt? Dann sind Sie fürs Leben verdorben, körperlich und seelisch krank, jeder Glücksmöglichkeit beraubt – was bleibt Ihnen dann? – Je nach Ihrer Veranlagung: Mord oder Selbstmord! Ich habe furchtbare Tragödien auf diese Art entstehen sehen ...“