Man trennte sie von Olga. Das war schlimm, aber nicht das Schlimmste. Man tat ihr Gewalt an. Man hätte diese Reise von ihr erbitten sollen, man hätte ihr Zeit lassen sollen, Zeit zu einem Abschied, zu einer Erklärung, Zeit, ihre Sachen selber einzupacken, ihre Bücher ... jetzt war Tante Emilie an ihrer Kommode und packte ihre Sachen ein, wühlte darin herum ... in einer Stunde saß sie vielleicht schon im Zug, ohne Olga Nachricht geben zu können ... und Onkel Jürgen saß ihr gegenüber als Gefangenenwärter ... und was würde unterdessen hier geschehen? mit ihrem Schreibtisch ... mit ihren Büchern ... mit Olga ...?
Sie spürte Lust, irgend etwas zu zerreißen, zu zerschlagen, mit dem Kopf gegen die Wände anzurennen. Sie tat nichts. Sie stand von ihrem Stuhl auf, sehr blaß, sehr ruhig und sagte:
„Also ... ist das nun alles?“
„Es freut mich,“ sagte der Professor, ebenfalls sich aus seinem Sessel erhebend, „daß Sie sich mit dieser Reise einverstanden erklären.“
„Einverstanden?“ sagte Mette mit einem verächtlichen Zucken der Lippen. „Ich füge mich dem Zwang, weil ich weiß, daß jeder Widerstand nutzlos ist. Wenn meine Tante mich hier forthaben will, läßt sie mich in Ketten wegschleifen, und mein Vater sieht zu, und alle Gerichte der Welt geben ihr recht.“
Der Professor ging an ihr vorüber und machte die Tür auf.
„Fräulein Melitta und ich sind uns ganz einig!“ rief er heiter. „Ich habe ihr eine kleine Luftveränderung verschrieben, und sie freut sich sehr, ein paar Wochen in Ihrem gastlichen Hause zu verbringen, Herr von Seyblitz!“
Onkel Jürgen rieb sich die kräftigen Hände, Franz Rudloff versuchte ein farbloses Lächeln, und Tante Emilie machte ein überraschtes und – wie es Metten schien – sichtlich enttäuschtes Gesicht.
Sie schoß auf den Professor los und zischte halblaut, aber doch laut genug, daß alle es hören konnten:
„Sie sagten mir doch, Herr Professor, daß Sie eine Untersuchung vornehmen wollten, um möglicherweise irgendwelche körperlichen Anomalien festzustellen ... ich glaube bestimmt ...“