Sie hatte kein Geld – ob sie Gelegenheit hatte, Wertsachen zu versetzen oder zu verkaufen, war fraglich. Sie sah nach den Kilometerschildern, 87 Kilometer bis Berlin. Fünf Kilometer in der Stunde schaffte sie glatt. Es war nur schade, daß nicht Sommer war. Bei zwei Grad unter Null ließ sich’s nicht gut im Freien nächtigen. – – –
Mette saß in der hellen und freundlichen Mansardenstube auf dem Fenstertritt, rauchte eine Zigarette und polierte ihre Nägel.
Auf der weißen Decke des Nähtisches, den Mette zum Toilettentisch degradiert oder befördert hatte, lag aufgeschlagen ein kleines, dickes, schwarzes Buch: das Neue Testament.
Die Tür wurde aufgemacht, und ihr Vetter Hermann schob sich durch den Spalt. Er blieb in der offenen Tür stehen und spielte mit der Klinke.
„Ob du zum Abendbrot runterkommst, oder ob du noch Kopfschmerzen hast?“ fragte er lakonisch.
„Mach’ die Tür zu, Junge!“ herrschte Mette gedämpft. Sie wollte nicht, daß der Zigarettenrauch auf den Treppenflur und in Tante Antoniens feine Nase zöge.
Der Junge machte die Tür zu, aber ließ die Klinke nicht los.
„Warum klebst du eigentlich an der Türe?“ fragte Mette belustigt. „Bitte, tritt näher. Nimm Platz!“
Der Junge zögerte.
„Wir sollen eigentlich nicht zu dir hinein,“ meinte er. „Aber wenn deine Kopfschmerzen besser sind, dann wirst du ja auch nicht mehr so krank sein ...“