Er bekam den Brief und die Zigaretten und verstaute beides so kunstgerecht in der Bluse, daß Mette lächelnd dachte: „Es ist nicht das erstemal, daß er da etwas vor Mutters scharfen Augen versteckt.“
Er zögerte noch zu gehen. Er druckste ein bißchen und platzte dann heraus:
„Sag’ mir doch, was du für eine Krankheit hast?!“
Mette dachte nach, was sie ihm antworten sollte. Ihr Blick fiel auf das Zigarettenetui.
„Weißt du, Männe,“ sagte sie nach einer Weile, „mich hat ein Skorpion gestochen. Nun ist mein ganzes Blut vergiftet. Und du weißt doch: gegen Skorpionengift hilft nur Skorpionengift. Und hier gibt es keinen Skorpion. Aber daß es ansteckt, das ist ein Aberglaube. Das sind die Phalangien, die so giftig sind, daß man sich ansteckt, wenn man sich im Waschwasser eines Gestochenen wäscht. Das hat deine Mutter verwechselt.“
„Es ist nicht ansteckend?“ fragte der Junge und wagte sich noch ein Schrittchen näher.
„Nein!“ Mette schüttelte den Kopf mit einem wehen Lächeln. „Ich glaube wohl, daß es tödlich sein kann – aber ansteckend ist es nicht.“ – – –
Der kleine Hermann, der den Brief mit viel Heimlichkeit und Wichtigtuerei nach der Post besorgte, war fest überzeugt, daß es ein Liebesbrief sein müsse, den man ihm anvertraut hatte. Er wäre sehr erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, daß in dem Brief mehr von ihm, von dem kleinen Hermann selbst, die Rede war, als von Liebe.
„... Ich habe die Kinder meines Onkels früher gehaßt“ ... das schrieb sie, nachdem sie von den Begebenheiten der letzten Tage eine sachliche Schilderung gegeben hatte. „... Ich hatte keinen Grund, sie zu hassen, als daß sie so abstehende Ohren hatten. Sag’ mir, Liebes, wodurch bin ich ein so ganz anderer Mensch geworden? Ich sehe jetzt Charaktere in jedem kindischen Benehmen, und ich sehe Schicksale, die an diese Charaktere unlöslich festgekettet sind. Ich sehe, daß die kleine Annemie einmal ein schweres Leben haben wird – nicht nur, weil sie abstehende Ohren hat – und darum habe ich immer das Gefühl, ich möchte ihr helfen, ich möchte ihr schenken, um die paar glücklichen Stunden in ihrem Leben zu vermehren ...
Ich habe eine Entdeckung gemacht, Olla. Du wirst mich auslachen. Meine Tante Antonie hat den Bücherschrank vor mir verschlossen und hat mir das Neue Testament aufs Zimmer gelegt. Ich habe sie in Verdacht, sie wollte mich damit strafen. Vor einem Jahr hätt’ ich es voll Empörung an die Wand geworfen und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß man es lesen könnte. Und jetzt habe ich mich so damit befreundet! Was ist das doch für ein herrliches Buch! Aber ich mache mich lächerlich vor Dir mit meiner Entdeckung. Gibt es wohl etwas Schönes auf der Welt, was Du nicht kennst und liebst?“ – – –