Onkel Jürgen und Tante Antonie waren aufs angenehmste überrascht von Mettens Betragen. Sie hatten ein widerspenstiges Kind erwartet, das sie nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt zähmen mußten und fanden eine junge Dame von formvollendeter Liebenswürdigkeit. So wirkte es peinlich, sie überall zu beschränken und zu beaufsichtigen, und man gewährte ihr eine Freiheit nach der anderen.
Mette nutzte diese Freiheiten aus und traf Vorbereitungen zur Flucht. Sie hatte Tag und Nacht keinen anderen Gedanken, und die dauernde Beschäftigung mit diesen Plänen stimmte sie zu fast ausgelassen-heiterer Erregung.
Es handelte sich vor allem darum, sich Geld zu verschaffen. Mette verkaufte von ihren Sachen, was ihr irgend entbehrlich schien. Aber das brachte nicht genug. Sie fing an, Sachen aus dem Haushalt zu verschleudern. Es war schwierig und unpraktisch. Erstens konnte es herauskommen, ehe sie fort war, dann war alles verloren, und zweitens lohnte es nicht die aufgewendete Mühe, und es tat ihr auch leid, wertvolle Dinge um einen Spottpreis wegzugeben.
Eines Tages empfing Onkel Jürgen mit der Post eine größere Summe, die er in Mettens Gegenwart in den Schreibtisch einschloß.
Mette starrte wie hypnotisiert auf den verschlossenen Kasten. Da war alles, was sie brauchte, aber wie dazugelangen?
Sie lag eine ganze Nacht, ohne Schlaf zu finden, oder auch nur zu suchen. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft.
Nachts den Schreibtisch gewaltsam erbrechen. Es ging kein Zug mehr, der sie dann vor Tagesanbruch in Sicherheit brachte.
Einen Wachsabdruck des Schlosses nehmen. Der Schlosser würde Verdacht schöpfen, wenn sie sich einen Schlüssel danach machen ließ.
Das Schlüsselbund stehlen? Man würde es sofort vermissen und das ganze Haus durchsuchen.
Den Schreibtischschlüssel vom Bund lösen? Man würde auch das Fehlen dieses einen wichtigsten Schlüssels sofort bemerken.