Um vom Eßzimmer nach dem Treppenflur zu kommen, mußte sie durch das dunkle Wohnzimmer. Während sie aus dem Nebenzimmer die Stimmen hörte und jeden Augenblick das Stuhlrücken der Aufstehenden zu hören glaubte, schloß sie das Schreibtischfach auf und stopfte eine Handvoll Scheine in ihre Bluse.

Im Treppenflur hing ihr Mantel schon vorsorglich bereit. Sie schlüpfte hinein und öffnete die kleine Hintertür, die an der Küche vorbei in den Garten führte. Vorne an den Fenstern des Speisezimmers vorbeizugehen, wagte sie nicht.

Über das niedrige Gartenstaket sich zu schwingen, war keine Schwierigkeit. Noch einmal sah sie sich um. Von dieser Seite war das Haus ganz dunkel. Sie horchte. Keine Tür ging, kein Fenster klirrte. Dann wandte sie sich und lief wie gejagt querfeldein – dem Bahnhof zu. – – –

Während der Bahnfahrt kämpfte sie manchmal mit einer qualvollen Bangigkeit. Sie sah sich verfolgt, gefesselt – der Zug schien unerträglich langsam zu fahren, auf allen Stationen über Gebühr zu halten.

Sie hatte mitunter das Gefühl, daß es besser wäre, auszusteigen und zu laufen, vorwärtszujagen, bis Atem und Muskelkraft versagten, als so in untätiger Unrast gefangen zu sein und zu warten, bis die träge Maschine sie ans Ziel brachte.

Mit einem plötzlichen Erschrecken dachte sie an die Möglichkeit, daß ihr Telegramm nicht zur Zeit angekommen sein könne oder Olga nicht zu Hause getroffen habe.

Was sollte sie nur um Gottes willen anfangen, wenn Olga nicht an der Bahn war!

Nach Hause zu fahren, war eine Unmöglichkeit. Sie glaubte schon Zwangsjacke und Handschellen zu spüren.

In der Nacht zu Olga? An einem fremden Haus klingeln, die Leute in der Pension wecken? Mit welchem Recht?

Ihr blieb nichts übrig, als sich für die Nacht in einem Hotel einzumieten. Aber wo war sie sicher? Morgen früh würde man überall nach ihr suchen. Ihr graute vor dem, was ihr dann bevorstand.