Und ihr graute vor der einsamen Nacht in einem fremden Zimmer.

Es kamen Augenblicke, wo sie verwundert ihrem eigenen Tun gegenübersaß und erschrak vor ihrer eigenen Kühnheit. Wo sie bei einer Bewegung plötzlich das Knittern der Scheine in ihrer Bluse fühlte und voll Staunen und fast voll Bewunderung sich fragte: „Herrgott, wie hab’ ich das eigentlich fertiggebracht?“ – – –

Um elf Uhr zwanzig lief der Zug in den Bahnhof ein. Licht und Lärm in der dröhnenden Halle, deren weite Wölbung sich im Dunkeln verlor, waren fast noch beängstigender als die schweigende Nacht auf den Feldern.

Aber da war Olga Radó.

Zwischen hastenden, suchenden, hin und her wimmelnden Menschen stand sie ganz ruhig, noch ein wenig höher gereckt als sonst. Zwischen dummen, stumpfen, mißgeformten, vor Aufregung verzerrten Gesichtern leuchtete ihr weißes, klares Gesicht. Unter den dunklen, wie drohend zusammengezogenen Brauen hervor schimmerten die scharfen Augen und flogen prüfend an der Wagenreihe entlang.

Mette stieß die Tür auf, ehe noch der Zug hielt. Sie bahnte sich rücksichtslos einen Weg, stieß ihren Handkoffer den Leuten in die Kniekehlen, streckte ihr die Hand entgegen, nein, griff nach ihr, wie ein Fallender nach einem Halt und rief zwischen Lachen und Weinen:

„Olga!“

Olgas Gesicht, das sich erst jetzt mit jäher Wendung ihr zudrehte, blieb ernst. Nicht der Schimmer eines Lächelns flog über die gespannten Züge.

„Mette!“ sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. „Kind! Was machst du für Dummheiten!“

Mette erschrak ein wenig. Nicht sehr. Ein anderer Empfang wäre ihr lieber gewesen – aber was taten ihr diese Worte oder der Ton der Worte. Olga war da. Sie sah ihr Gesicht, sie hielt ihre Hand, sie hörte ihre Stimme.