Nun war alles gut.

„Bist du böse?“ fragte Mette mit lachenden Augen, ohne Olgas Hand loszulassen. „Wenn du jetzt schon böse bist, alter Philister, dann wag’ ich gar nicht zu erzählen, was ich alles ausgefressen habe!“

„Ich bin nicht böse,“ sagte Olga ernsthaft, „ich lehne nur jede Verantwortung ab. Wenn du durchgehst, ist das deine Sache. Ich habe dich nicht mit einem Wort, mit einem Blick dazu verleitet. Ich habe nichts davon gewußt. Das möchte ich nur von vornherein konstatieren.“

„Ja,“ sagte Mette, „aber nachdem du das nun konstatiert hast, kannst du mir vielleicht sagen, ob es dir persönlich angenehm oder unangenehm ist, daß ich hier bin.“

„Wenn ich ehrlich sein soll,“ sagte Olga mit einem halben Lächeln und ohne Metten anzusehen, „so ist es mir nicht unangenehm; aber ich bin eigentlich ein bißchen verzweifelt. Hast du vielleicht darüber nachgedacht, was nun mit dir werden soll?“

Mette hatte daran gedacht. Darüber nachgedacht? – Nein, das war wohl nicht das richtige Wort. Sie hatte die Vorstellung gehabt, daß sie zu Olga käme, um bei Olga zu sein, um bei Olga zu bleiben. Sie hatte sich in Olgas behaglichem Zimmer gesehen – in dem einzigen Zimmer, in dem sie je glückliche Stunden verlebt hatte – hatte sich da verbergen wollen, nie auf die Straße gehen, nie nach Hause gehen – nun fühlte sie das Unsinnige dieser Gedanken und wagte sie den klugen Augen gegenüber nicht auszusprechen.

„Ich weiß nicht,“ sagte sie kleinlaut. „Ich weiß nur, daß ich nicht nach Hause kann, nie, nie, nie, nie! Ich kann mir ja eine Stellung suchen als Kindermädchen, als Kellnerin – was weiß ich!“

„Dazu hättest du eigentlich ebensogut bleiben können, wo du warst. Sie werden dich ja nicht gerade geprügelt haben oder Hunger leiden lassen. Oder glaubst du, daß du als Kindermädchen sehr viel mehr Freiheit haben wirst?“

„Ja,“ sagte Mette trotzig, „dann hab’ ich wenigstens meinen freien Sonntag, wo mir kein Mensch verbieten kann, mit dir zusammen zu sein!“

„Meinetwegen!“ Olga blieb stehen und schloß einen Moment wie in tödlichem Erschrecken die Augen. „Du bist geradezu grausam, Mette. Fühlst du denn nicht, wie ungeheuer du mich damit belastest? Ich kann diese Verantwortung nicht tragen, ich kann nicht!“