„Nein,“ sagte Mette, „dein ‚wann‘ weiß ich nicht. Gott sei Dank! Aber das ‚warum‘ weiß ich. Gott sei Dank!“

Es flog ein leichter Schatten über Olgas Gesicht, als ob sie nicht hören wollte, was Mette sagte.

„Ich habe mir früher immer so glühend gewünscht zu wissen, wann ich sterbe,“ sagte sie nachsinnend. „Ich finde es so ungerecht, daß man absolut nicht weiß, wieviel Zeit einem zur Verfügung steht. Man müßte doch die Möglichkeit haben, sich einzurichten. Ich habe meine Freundin beneidet, die an der Schwindsucht gestorben ist. Sie wußte genau: So viel ist jetzt noch von meiner Lunge vorhanden – so lange kann ich noch leben, wenn ich geize, wenn ich mich schone – ich kann aber auch verschwenden und den Rest auf einmal wegwerfen. Schön muß das sein. Du weißt ja: Ich kann nie aus meinem Zimmer fortgehen, ehe es nicht aufgeräumt ist, weil ich doch immer die fixe Idee habe, wer weiß, ob ich wiederkomme. Mir ist der Gedanke schrecklich, daß ich einmal aus dem Leben fort muß und alles in Unordnung hinterlasse.“

Metten waren die Tränen nahe. Sie wollte die Traurigkeit, die sie quälte, verbergen und verscheuchen und sagte mit erzwungener Derbheit:

„Du bist wohl ganz verrückt, ja? Vielleicht suchst du dir zu dieser melancholischen Nachtfahrt ein anderes Gesprächsthema aus?! Sonst setz’ ich mich so lange ins Nebencoupé, bis du mit deinen Meditationen fertig bist!“

„Kind!“ sagte Olga lächelnd und griff nach ihrer Hand. „Du hast ganz recht. Schimpf nur tüchtig. Das kommt von dem blöden Orakeln.“

„Orakeln?“ fragte Mette erstaunt.

„Kennst du das noch nicht an mir? Ich mach’s doch wie die alten Bauernweiber, die in allen schwierigen Lebenslagen mit der Stricknadel in die Bibel stechen und sich dann irgendeinen Rat herausdeuten.“

„Du hast ja gar keine Stricknadeln!“ sagte Mette lachend.

„Nein – eine Bibel nebenbei auch nicht. Eine Bibel muß etwas Ererbtes sein. Eine zu kaufen, hat gar keinen Wert. Aber es muß ja zu diesem Zweck keine Bibel sein – ich nehme einfach irgendein Buch und schlage es auf. Es ist merkwürdig, was für klare Antworten man manchmal bekommt. Ich habe heut’ auch gefragt ... als deine Depesche kam ... ob ich nach der Bahn gehen sollte ...“