„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich weiß nur, solange dieser Brief noch unterwegs ist, sind wir sicher. Kein Mensch weiß, wo wir sind – das ist ein herrliches Gefühl – als ob man hinter Mauern und Gräben säße. Wenn der Brief erst angekommen ist, dann ist die Zugbrücke heruntergelassen – was dann geschieht, das weiß ich nicht. Nichts weiß ich, nichts, nichts, nichts! Aber es ist immerhin möglich, daß wir in Stücke gerissen werden.“

„Warum haben wir die Zugbrücke heruntergelassen?“ fragte Mette stehenbleibend. „Warum hast du mich gezwungen zu schreiben?“

Olga lächelte schwermütig.

Weil ich die Verantwortung nicht übernehmen will!“ sagte sie, mit einem Versuch zu scherzen. – – –

Sie gingen durch die breiten Straßen mit den kleinen, niedrigen Häusern. Einen besonderen Reiz hatte es, die Schaufenster zu betrachten.

Wo ein kleiner Laden sichtbar wurde, mußten sie über den Damm laufen und die Auslagen mustern. Da war ein Korbflechter und Bürstenmacher. Da war ein Schuhmacher, der einen halbmeterlangen Filzschuh in seinem Fenster hatte und daneben einen winzigen nadelspitzen Ballschuh aus verstaubtem perlgestickten Rosaatlas.

„Ein Märchen!“ sagte Olga begeistert. „Sieh nur, ein Schuhmacher, der Märchen dichtet. Und er weiß es. Ganz sicher, er weiß es!“

Da war ein Geschäftchen mit Kurz-, Weiß- und Wollwaren. Girlanden von Handschuhen und Kinderjäckchen hingen im Fenster. Wasserfälle von Maschinenspitzen stürzten hernieder. Nähgarne und Häkelwolle legten sich zu symmetrischen Figuren. Und überall dazwischen hingen weiße Pappschildchen: „Hier werden Puppen zu Weihnachten angezogen.“ „Hier werden Gardinen kunstgestopft.“ „Unterricht in allen weiblichen Handarbeiten.“ „Hier wird Klavierunterricht erteilt, gründlich und gewissenhaft, für Anfänger und Fortgeschrittene.“ „Hier werden Strümpfe mit der Maschine angestrickt.“

„Geschwister Basch,“ sagte Olga und sah zu dem Firmenschild auf. „Sicher sind es zwei alte Schwestern. Die eine hat einen Mops und die andere einen Kanarienvogel. Oh, in solchen Städten gibt es noch Möpse! Die eine, die den Klavierunterricht erteilt, das ist eine schönheitsdurstige Seele. Sie hat sicher einmal von Ruhm und Beifall geträumt, als sie mit fünfzehn ‚La prière d’une vierge‘ spielte. Und die andere, die praktische, vielleicht von einem Mann und sieben Kindern. Und nun sitzen sie hier und trösten sich miteinander. Vielleicht hat die praktische ein aufopferungsfreudiges Gemüt und hat den einzigen in Betracht kommenden Mann ausgeschlagen, nur um ihre Schwester nicht zu verlassen. Die mit dem Klavierunterricht, das ist sicher auch die, die die Puppen anzieht. Aber die andere strickt die Strümpfe an. Weißt du, ich möchte in einer Novelle den Tag beschreiben, da die Strickmaschine ins Haus kam. Wahrscheinlich haben sie zehn Jahre daraufhin gespart – und dann haben sie sie gefürchtet und geliebt – so ein bißchen wie Teufelsspuk und Feenzauber – ach, vielleicht wäre es gut, ein solcher Mensch zu sein ... oder ob sie ganz klein und neidisch und giftig sind?“

Da war ein Kaufmannsladen, ein „Kolonialwarenhändler“, es war erstaunlich, was sein Fenster für eine prunkvolle Ausstattung aufwies. Getrocknete Aprikosen bildeten Sterne auf weißem Reis. Grotten aus Zuckerkand türmten sich auf, mystisch erhellt durch Fenster aus roter Gelatine. Da war ein See aus Stanniol, auf dem ein kleiner hohler Schwan mit aufgeplatztem Rücken schwamm. Da waren tausend bunte Dinge, und wie um die Farbenpracht zu mildern, lag über allem eine gleichmäßige graue Staubschicht – eingefressener, unverwüstlicher, wohlberechtigter Staub.