Und dann, ganz am Ende der Stadt, wo die Häuser vereinzelt standen und das Pflaster aufhörte und die Hühner gackernd über den Weg liefen, da war ein ganz kleiner Laden, der hatte in seinem schmalen Fensterchen alles – alles, was das Herz nur begehren konnte. Hohe Gläser mit bunten Bonbons und blaue Glanzpapiertafeln mit Zwirnknöpfen, Kränze von getrockneten Feigen und Postkarten, auf denen liebende Paare in flammenden oder blumenumkränzten Herzen sich küßten. Schnürsenkel und saure Gurken, Schuhwichse und Backpulver und irdene Töpfchen und Kämme und ...

„Abziehbilder!“ sagte Olga mit andächtigem Entzücken. „Sieh nur, Mette, veritable Abziehbilder! Ganz richtig mit dem blauen Hauch darüber, mit dem mystischen Schleier, daß man nur ahnen kann, was daraus wird, wenn sie abgezogen sind. Oh, es war kein Kachelofen vor meinen Abziehbildern sicher! Wer sie immer nur hübsch auf einem Tisch verarbeitet hat, ahnt gar nicht, wie schwer es ist, sie auf einer senkrechten Fläche anzubringen. Sie waren immer durcheinander gerutscht. Ich glaube, ich hatte keine ruhige Hand. Ob ich es jetzt besser könnte? Ich bitte dich, Mette, um aller Heiligen willen, geh hinein und kauf mir für einen Groschen Abziehbilder – aber ein Bogen mit Schiffen muß dabei sein.“ – – –

Hinter den letzten Häusern fing die Landstraße an: Breit, gerade, mit kahlen Bäumen bestanden, schneebedeckte Felder rechts und links, am Horizont ein Streifen dunkelblauen Waldes.

Sie schritten scharf aus. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Bei jedem Schritt flogen krächzende Krähen vor ihnen auf, der Wind rauschte in den Telegraphendrähten und blies manchmal eine Schneelast von einem Zweiggewirr auf sie herab. Der unberührte, unbetretene Schnee war weich wie Watte und blitzte in der Sonne wie zerstoßenes Glas.

Der Wald, der so fern erschienen war, schien ihnen entgegenzulaufen.

Hundert Schritte davor bog die Landstraße ab. Aber ein breiter Weg führte hinein. Das Stückchen über das freie Feld war kaum als Weg zu erkennen, so schneeverweht war es. Aber drüben tat sich in den hohen schneebedeckten Tannen eine Öffnung auf, wie der Eingang zu einem Tunnel. Da strebten sie hin.

Als der Wald sie umfing, wurde es mit einem Male still und warm – so warm, daß ihre windgepeitschten Gesichter anfingen zu brennen.

Hoch über ihnen in den Wipfeln rauschte der Wind und schüttelte zuweilen silberne Sterne auf den dunklen Boden. Aber sein kalter Atem traf sie nicht.

Sie wanderten in versunkenem Schweigen. Nur wenn bunte Meisen vor ihnen herflatterten oder ein Eichhörnchen an einem Stamm hinaufflitzte, machte eines das andere durch ein Flüstern, durch eine Bewegung aufmerksam. Und wenn dann ihre Blicke sich trafen, dann blieben sie ineinander hängen, bis sie lächelten und die Augen schlossen – – –

„Aha! Da ist es!“ sagte Olga nach einer guten Weile.