„Mach hell, bitte!“ bat sie mit ein wenig unsicherer Stimme.
Sie riß das Papier auseinander.
Sie las es in dem Dämmerlicht am Fenster. Sie las es noch einmal bei der aufflammenden Gaslampe. Es änderte sich nicht.
„Dein Vater vom Schlage getroffen. Sein Ableben stündlich zu erwarten.“
Sie reichte das offene Telegramm, ohne ein Wort zu sagen, Olga hinüber und ging an ihr vorbei nach dem Ofen.
Sie hielt die Hände vor die Glut und war erfüllt von der seltsam peinlichen Empfindung, nicht zu wissen, wie sie sich benehmen sollte.
Kein Gefühl quoll unwiderstehlich, jeden Gedanken verdunkelnd, aus ihrer Tiefe: weder Schmerz, noch Angst, noch Liebe.
Nur häßliche, quälende Gedanken: „Ich werde hinfahren und zu spät kommen,“ dachte sie. „Es wird also ganz unnütz sein, daß ich fahre. Wenn er wirklich sterben muß – warum hab’ ich dann nicht lieber die Nachricht bekommen, daß er tot ist. Dann würde keine Macht der Welt mich hier wegbekommen.“
Sie warf einen verstohlenen Blick auf Olga, die ihr noch immer den Rücken zudrehte.
„Sie wird erwarten, daß ich irgend etwas tue,“ dachte sie. „Ich muß mich doch irgendwie äußern. Ich glaube, das Natürlichste wäre, wenn ich jetzt weinte. Aber ich kann doch nicht. Ich finde es schrecklich, gewiß. Aber es ist nichts, was mir die Tränen in die Augen treibt. Was würde Olga in meiner Lage tun? Seltsam, wie wenig wir uns eigentlich kennen. Ich weiß nicht, was sie tun würde. Und ich weiß auch nicht, was sie von mir erwartet.“