Olga nahm den Mantel fort. Aber sie zog ihn nicht an. Sie legte ihn neben sich auf das Polster, mit einer so achtlosen Bewegung, als sei er zu nichts mehr nütze. – – –
In der Wohnung roch es nach Krankheit und Tod. Die Mädchen saßen schlaftrunken mit verschwollenen Augen und stumpfen Gesichtern herum.
Überall brannte Licht. Aber nicht helles, heiteres, strahlendes Licht, nur immer eine einzelne Lampe, die ein oder zwei Räume dämmerig erhellte. Die Türen standen offen oder waren angelehnt – man sah, daß nicht Nacht war in dieser Wohnung. Daß niemand schlief, daß unablässig hin und her gelaufen wurde. Und durch die offenen Türen drang das gleichmäßige röchelnde Atmen des Sterbenden in alle Räume, erfüllte alle Räume.
Tante Emilie, mit wachen Eulenaugen in dem zerkniffenen Gesicht, geisterte gespenstig hin und her.
„Du kommst zu spät!“ sagte sie mit eisigem Triumph, als sie Mettens ansichtig wurde. „Wir haben keine Hoffnung mehr.“
Mette fühlte, daß ihr etwas Böses zugefügt werden sollte. Und das plötzliche Bewußtsein, so verworfen, so gefühlsroh zu sein, daß dies Böse sie nicht traf, daß selbst diese Frau in ihrem maßlosen Haß sie noch überschätzte, trieb ihr, müde und überreizt wie sie war, die Tränen in die Augen.
Tante Emilie ahnte nichts von diesen Vorgängen.
„Auch diese Tränen kommen zu spät!“ sagte sie geringschätzig.
Von den zwanzig Stunden, die nun kamen, hatte jede Stunde tausend Minuten.
Mette ging hin und her, saß hier und dort und fühlte sich überall am falschen Platz, im Wege, von bösen Augen beobachtet.