Wenn sie nur für einen Moment die schweren Augenlider schloß, sah sie die verzerrten Züge des Sterbenden, oder Tante Emilie reckte die Krallen nach ihr aus, um sie zu erwürgen, oder Onkel Jürgen holte mit einem riesigen Schlüsselbund zu einem Hieb aus, der ihr den schmerzenden Schädel zerschmettern sollte.
Mette streckte die Hand sehnsüchtig in die Luft nach einer anderen Hand, die die ihre fest und warm umschließen sollte. Aber ihre kalten Finger blieben leer.
Sie ertrug die angstvolle Unruhe nicht mehr. Sie schlüpfte in ihren Mantel und schlich über die Hintertreppe hinunter aus dem Haus.
Die kalte Nachtluft weckte sie wie aus schwerem Traum. Sie lief mehr als sie ging durch die Straßen bis zu Olgas Haus.
Das Haus war verschlossen. Mette stand eine Weile unschlüssig. Vielleicht kam irgendein Hausbewohner heim, oder der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft machte ihr gegen ein Trinkgeld die Tür auf.
Sie wartete eine ganze Weile. Die Kälte schüttelte sie.
Schließlich klingelte sie den Portier heraus. Aber oben vor der Tür zögerte sie wieder, eh’ sie wagte zu klingeln.
Sie setzte sich auf die Treppe und lehnte die Stirn an die hölzernen Pfosten der Tür.
Sie versuchte, durch angestrengte Gedanken, durch inbrünstiges Flehen, durch gesteigertes Wollen Olga zu wecken, sie herbeizurufen.
Sie glaubte immer, ihren leisen Schritt sich der Tür nähern zu hören und lauschte atemlos und merkte, daß sie sich getäuscht hatte.