Sie mußte sich endlich doch entschließen zu klingeln. Es dauerte eine ganze Weile, bis ein schlaftrunkenes, halb angezogenes Mädchen ihr öffnete. Sie erzählte eine Geschichte, daß sie eben von der Bahn komme und zu Hause nicht hinein könne, weil sie ihre Schlüssel bei Fräulein Radó gelassen habe. Sie lachte dazwischen und hatte das Gefühl, vollkommen idiotisch zu wirken.
Als sie sich durch den wohlbekannten Türgang entlang tastete – sie fürchtete sich, aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde davor, Licht zu machen – vielleicht hatte sie die Vorstellung, das Geräusch oder der Schein könne jemanden wecken, oder vielleicht hatte sie unbewußte Angst, gesehen zu werden und fühlte sich sicherer im Dunkel.
Als sie schon vor Olgas Tür stand, hatte sie mit jähem Erschrecken das qualvolle Empfinden – so stark, daß sie es für Ahnung nahm – als wäre Olga nicht allein. Als stände diesem furchtbaren Tag noch ein furchtbarster Abschluß bevor.
Sie stand an die Wand gelehnt und wagte nicht zu klopfen, nicht die Klinke zu berühren. Eine Stimme, die sie deutlich außer sich zu hören glaubte, sagte:
„Was suchst du hier? Mit welchem Recht dringst du hier ein? Wie kommst du zu der maßlosen Kühnheit, dich hier zu Hause zu fühlen?“
Die Tür ging geräuschlos auf, und ein matter Lichtschein fiel heraus.
In dem Lichtschein stand Olga Radó, groß und schlank, in einem dunkelbunten Kimono, eine Hand auf der Klinke und spähte unter zusammengezogenen Brauen scharf hinaus. Sie sah und erkannte Metten sofort.
„Mette!“ rief sie leise und schloß einen Moment, wie erschrocken, die Augen. „Ich hab’ es doch gewußt! Was ist geschehen, Kind? Wie bist du heraufgekommen?“
Mette taumelte mehr als sie ging. Sie kam ins Zimmer, sah das sanfte Licht der verschleierten Lampe auf den Papieren des Schreibtisches, auf den Bücherrücken, auf den Bildern, auf den seidenen Kissen – Farben und Formen stürzten wie ein Gefühl unendlichen trunkenen Glücks in sie hinein – sie ließ sich auf die Erde niedergleiten, legte die Stirn gegen den Sessel und sagte zwischen Lachen und Weinen, zwischen Wachen und Schlaf:
„Laß mich hier, es ist so gut.“