Mette stand einen Augenblick wie erstarrt. Sie hatte einen Moment das Gefühl, unter Irrsinnige zu kommen oder selber irrsinnig zu sein. Mit einem flüchtigen Blick erfaßte sie, daß Jürgen von Seyblitz mit seiner straffen Haltung, mit den blitzblauen Augen und dem eisgrauen Schnurrbart in dem zornroten Gesicht sehr gut aussah.
Er kam auf sie zu und sagte mit einer tiefen, rauhen Stimme, in der etwas wie Rührung zitterte:
„Mette, Kind, was tust du hier? Morgen begraben sie deinen armen Vater, und du bist hier?!“
Er legte ihr schwer die Hand auf die Schulter.
Mette sah ihn nicht an. Sie sah Olga an.
„Ich bin hier zu Hause –“ sagte sie. Ihre Stimme sollte eine strahlende Festigkeit haben, aber sie konnte sie nicht zwingen, sie klang leise und bebend.
„Wenn ihr glaubt, das Recht zu haben, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“
Es war schwer, sehr schwer, das auszusprechen. Sehr schwer, das auszusprechen vor Onkel Jürgens ehrlichem, wut- und schmerzverzerrtem Gesicht, vor Tante Emiliens blinzelnden Vogelaugen, vor dem schwammigen Gesicht der Frau Flesch, das in einem widerlich-gierigen Grinsen wie erstarrt schien, vor dem fremden Mann, vor den Mädchen, die hinter den Türen lauschten.
Aber nun war es ausgesprochen. Und damit mußte alles gut sein. Nun mußte Olga kommen und sie in die Arme nehmen, mußte Mettens Kopf so an ihre Brust drücken, daß sie nichts mehr zu sehen und zu hören brauchte, mußte mit einer ihrer unglaublich stolzen und herrischen Bewegungen all diesen fremden und peinigenden Gesichtern die Tür weisen, mußte einen Revolver diesen Eindringlingen entgegenrecken und sie hinausjagen mit einem einzigen Wort ...
Olga wandte den Kopf, ohne ihre Haltung zu verändern und sah Metten an. Alle glaubten, daß sie Metten ansah und machten eine unwillkürliche Geste der Spannung, der Erwartung.