In Wahrheit lagen ihre Augen auf Mettens Stirn oder auf ihren Brauen oder auf ihren Haaren.
Mette wollte ihren Blick treffen, sie bohrte ihre Augen in Olgas Gesicht, aber sie konnte ihren Blick nicht zwingen. Er lag unverändert auf ihrer Stirn oder ihren Brauen oder ihren Haaren – eine Linie über ihren Augen.
„Mein liebes Kind,“ sagte Olga mit einer eisig kühlen Sanftmut, „Ihre Anhänglichkeit an mich ist rührend, aber ich habe sie durch nichts verdient. Wenn Sie mir wirklich soviel Sympathien entgegenbringen, so gehen Sie jetzt mit Ihren Angehörigen und betragen sich wie ein vernünftiger Mensch und verschonen mich künftig mit Ihren Besuchen. Sie sehen doch, daß Sie mir nichts als Ungelegenheiten bereiten!“
Mette zögerte noch einen Augenblick. „Es muß doch irgend etwas geschehen,“ dachte sie, „sie muß mich doch ansehen, sie muß mir durch einen Blick, durch eine Geste ein Zeichen geben, daß dies Verstellung ist, Komödie, daß ich ihr vertrauen soll, an sie glauben, auf Nachricht warten ...“
Es geschah nichts.
Mette suchte in ihren Gedanken irgend etwas Unerhörtes, womit sie diese steinerne Maske zerschmettern könnte. Konnte sie nicht sagen: „Du hast mich gerufen, gelockt, gezwungen und jetzt verleugnest du mich?“ Nein – sie hatte kein Recht dazu.
Fiel ihr denn nichts ein, irgendein Schmähwort, ein treffendes, verletzendes, grausames?
Sie wälzte dumme, kindische Schimpfwörter, schwer wie Steinblöcke, in ihrem Gehirn hin und her.
„Du Kanaille!“ dachte sie. „Du Dirne!“ Das war nicht das, was sie suchte. Ihr war, als müsse sie in fieberhaftem Suchen die polternden Steinblöcke hin und her schieben, um irgend etwas zu finden, ein scharfes Wort, das sich schleudern ließe.
Plötzlich schien es ihr, als ob sie schon eine unendliche Zeit so dagestanden hätte, mit hängenden Armen, mit blöden Augen und offenem Mund.