„Selbstverständlich. Wir haben doch oft genug über dich gesprochen.“

„Habt ihr? Was?“

Während Petermann sprach, hatte Mette die seltsame Empfindung, als durchlebe sie in diesen wenigen Minuten mit stärkster Intensität das letzte halbe Jahr ihres Lebens. So, als wäre damals, an jenem unglückseligen Morgen der Faden des Gewebes abgerissen und mühsam, Tag um Tag, ein Muster, das nicht passen wollte, angestückelt. Nun trennte das falsche Gewebe sich, rückwärts laufend, blitzschnell von selber auf – ein Knoten wurde geknüpft, wo der Faden abgerissen war, und die wirkliche Zeichnung lief weiter, ein wenig verkürzt, ein wenig matt in den Farben – aber sie lief weiter und gab eine Brücke zum heutigen Tag und den Tagen, die kommen sollten.

„Was habt ihr von mir gesprochen?“

„O viel ... Ich habe ihr sooft zugeredet, an dich zu schreiben, irgendwie eine Verbindung mit dir zu suchen. Sie hatte die Überzeugung, es nicht tun zu dürfen. Du weißt ja, wie halsstarrig sie war. Manchmal hatte ich die Absicht: ich telephoniere dir oder ich lauere dir irgendwo auf – gegen ihren Willen. Einmal hab’ ich ihr das auch gesagt. Da hat sie mich angefunkelt mit ihren großen Augen: ‚Wenn du dich das unterstehst, ist es aus mit unserer Freundschaft, für ewige Zeiten aus. Willst du das arme Kind auch noch zugrunde richten?‘

Sie glaubte immer, du wärest glücklich, und es ginge dir gut. Ich war der Meinung, du müßtest erfahren, was vorgeht. Ich hab’ so gekämpft, du glaubst es nicht. Einmal hab’ ich dir eine Stunde lang Fensterpromenade gemacht. Ich dachte immer, wenn ich dich sprechen würde, wir würden irgendeinen Ausweg finden. Ich dachte immer, es würde noch alles gut. Dann hast du dich ja verlobt. Ja, da mußte ich ihr ja schließlich recht geben.“

„Oh, du Idiot!“ sagte Mette und lachte unter hervorstürzenden Tränen.

„Ich weiß den Tag noch so genau. Olga kam zu mir herüber, am frühen Morgen schon. Sie hockte hier neben mir auf dem Sessel und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Eine halbe Stunde lang sprach sie kein Wort. Ich saß hier am Schreibtisch und tat so, als ob ich arbeitete. Ich hatte die Zeitung weggeschoben, als ich sie kommen hörte. Aber wie sie so dasaß, da wußte ich: sie weiß es schon. Und sie wußte, daß ich es wußte, aber keiner wollte anfangen, davon zu sprechen. Wie sie dann schließlich anfing, sagte sie immerfort: ‚Ich bin so glücklich. Ich bin ja so froh.‘ Und sie verlangte von mir, daß ich mich freuen sollte. Wir gingen am Abend eine Flasche Wein zusammen trinken. Sie zwang mich direkt dazu. Wir müßten doch auf deine Zukunft trinken. Ich seh’ sie noch immer am Tisch sitzen und das Weinglas drehen. Sie hatte so ein merkwürdiges Lächeln den ganzen Tag. Und dann sagte sie immer wieder: ‚Die kleine Mette wird heiraten. So gut ist das. So gut. Unsere kleine Mette wird Kinder haben, lauter Jungens, denen geht’s immer gut.‘ – Dann wollte sie immer wieder von mir hören, daß ich es gut fände, daß ich mich freute. Und ich muß sagen – wie die Dinge lagen – es war ja auch wohl das Beste ... aber von dem Tage an hatte sie eine nervöse Angst, dir irgendwo zu begegnen. Manchmal, wenn sie etwas zu besorgen hatte, bat sie mich darum. Manchmal saß sie vor mir, blaß und mit gefalteten Händen: ‚Bitte, bitte, Peterchen, ich kann nicht nach dem Kaufhaus gehen.‘ Die letzten acht bis zehn Tage hat sie überhaupt ihr Zimmer kaum mehr verlassen. Sie telephonierte mich an, ich sollte rüberkommen, sie wollte nicht auf die Straße. Aber das hatte wohl auch noch einen anderen Grund ...“

„Was für einen?“ fragte Mette, nachdem er eine ganze Weile schweigend aus dem Fenster gesehen hatte.

Er warf einen raschen und gleichsam prüfenden Blick auf sie.