„Du weißt es nicht?“ sagte er wie erleichtert. „Nicht wahr, du weißt nichts davon ... ich hab’ es auch eigentlich nie anders angenommen ... Sie haben sie beobachten lassen ... deine Leute. Wo sie ging und stand war ein Detektiv hinter ihr her. Oh, und sie litt so wahnsinnig darunter.“

„Warum nur?“ fragte Mette mit verlorenen Augen, „warum haben sie denn das getan? Sie hatten mich doch in der Hand. Sie wußten doch, wo ich jede Stunde des Tages zubrachte.“

„Sie fürchteten wohl ... vielleicht dachten sie, wenigstens damals ... im Anfang, vor deiner Verlobung, du könntest in deinen Entschlüssen wankend werden ... oder sie könnte versuchen, dich wieder zu beeinflussen, sie wollten ihr irgend etwas nachsagen können, um sie als lästige Ausländerin ausweisen zu lassen. Herr von Seyblitz hat ihre ganzen Schulden aufgekauft. Das wußtest du auch nicht, nicht wahr? Sie haben sie so in die Enge getrieben ... täglich kamen Briefe von Rechtsanwälten, vom Gericht ... Sie hat sie nachher nicht mehr aufgemacht ... Sie ließ sie auf dem Schreibtisch sich anhäufen. Ich sagte manchmal: Kind, das geht nicht, du mußt antworten, du mußt hingehen, du mußt Entschlüsse fassen ... Dann lächelte sie so unendlich melancholisch: ‚Ich habe meinen Humor nicht mehr, Peterchen, ich bin alt und müde. Mir ist das gar ka’ Hetz mehr.‘ Und sie zeigt so mit einer Handbewegung auf die Papiere.

Es kamen auch Drohbriefe – so gemein – sag’ ich dir. Mit Ausdrücken, die man nicht wiederholen kann. Von deiner Tante Emilie, glaub’ ich. Aber so, als wären sie in deinem Sinne geschrieben. Du wüßtest nun, wes Geistes Kind sie wäre, und sie sollte jeden Annäherungsversuch unterlassen und nicht versuchen, ihre Erpressungen an dir fortzusetzen. Es wäre ja genug, daß sie dich zu Diebstahl und Einbruch verführt hätte, daß sie deine Gesundheit untergraben hätte, daß sie den Tod deines Vaters verschuldet hätte – ach, und was weiß ich. Und dann Dinge, die du über sie gesagt haben solltest ... es muß Furchtbares gewesen sein; denn sie wollte es selbst mir nicht sagen oder zeigen.

Sie saß mir gegenüber, ganz weiß im Gesicht und mit glühenden Augen und hielt mich am Handgelenk gepackt, daß ich dachte, sie zerbricht mir die Knochen und sagte immer wieder: ‚Davon weiß die Mette nichts, nicht wahr, Peterchen? Davon weiß die Mette nichts?‘

Und dann ein andermal wieder sagte sie:

‚Wie können Menschen nur so wahnsinnig grausam sein. Sie haben doch direkt ihren Spaß daran, mich langsam zu Tode zu quälen. Sie machen einen Kranz von glühender Kohle um mich her – wo ich mich nach einem Ausweg wende, sperren sie zu, bloß um zu beobachten, wie ich mich gebärde, wenn sie mich glücklich bis zur Raserei gebracht haben.‘ Ich weiß noch, dabei rannte sie hier im Zimmer auf und ab und ich dachte wirklich, die Wände werden ihr zu enge, sie ist wie ein gefangenes wildes Tier. Ich sagte noch: Du kannst doch dem allen entgehen. Du kannst doch nach Hause reisen. Da wurde sie ganz ruhig und sagte: ‚Ja, ich kann dem allen entgehen. Ich kann abreisen. Ich kann nach Hause reisen!‘

Damals fiel mir ihr Ton nicht auf. Jetzt, wenn er mir wieder im Ohr klingt, begreife ich nicht, daß ich sie nicht verstanden habe. Von der Zeit an sprach sie oft von der Reise. ‚Am zweiundzwanzigsten Juni fahre ich nach Hause.‘ Das war ihre ständige Rede. Ich fragte sie einmal, warum sie gerade diesen Tag festgesetzt hätte. Da lachte sie und sagte:

‚Weil es drei Tage nach dem neunzehnten ist.‘ Ich dachte wohl darüber nach. Aber der Zusammenhang wurde mir damals nicht klar ...

Aber dann nach deiner Verlobung wurde das anders. Sie sagte plötzlich: wenn ich reise – nächste Woche ... oder übermorgen. Ich neckte sie noch und sagte: Nanu? Bist du deinen Vorsätzen untreu geworden? Ich denke, du fährst erst drei Tage nach dem neunzehnten Juni?! Da sieht sie mich so rätselvoll an und schüttelt den Kopf und sagt: ‚Ach nein, Peterchen, darauf brauche ich nun nicht mehr zu warten!‘