Am Abend des ... an einem Montagabend, kam sie plötzlich her, wie es mir vorkam, in einer gewissen heiteren Erregung. Sie legte das Zigarettenetui hier auf den Schreibtisch, hier, wo es noch liegt – und sagte zu mir, ich solle ihr den Gefallen tun und es in deine Hände gelangen lassen. Sie wollte reisen und wäre schon am Packen. Wenn sie es dir schickte, würde man es wahrscheinlich als Erpressungsversuch deuten.
Ich sollt’ es dir geben, wenn sie fort wäre. Erst an deinem Geburtstag. Und sie verlangte, ich sollte mir den Tag im Kalender ankreuzen. Ich sagte, ich behalt es so. Aber sie schlug das Datum in meinem Kalender auf und zeichnete es selbst ein.“
Er schlug mit einer fast andächtigen Bewegung das letzte Blatt zurück und schob Metten den Kalender hin.
Auf dem weißen Blatt stand unter den neunzehnten Juni in Olgas großer schöner Handschrift langsam, sorgfältig hingezirkelt:
Mettes Geburtstag. Nicht vergessen, Peterchen! – Und darunter waren drei Kreuze hingemalt, kleine, schwarze, spielerische Tintenkreuze.
Mette sagte nichts. Sie legte die flache Hand auf das Blatt und nahm sie nicht wieder herunter.
Peterchen räusperte sich ein paarmal, dann sprach er weiter:
„Eh’ sie hinüberging, verabredeten wir alles für den andern Tag. Wir wollten uns vormittags nach den Zügen erkundigen, abends wollte ich sie an die Bahn bringen. Wie sie fort war, wurde ich so unruhig. Irgend etwas schien mir nicht zu stimmen, ich wußte nicht was. Ich versuchte, hinüber zu telephonieren, bekam keine Verbindung. Ich saß hier am Schreibtisch in einer ganz unbeschreiblichen Nervosität. Das Ding lag vor mir,“ er nahm das Etui in die Hand, „ich nehm’ es auf, ganz in Gedanken. Plötzlich fiel mir ein – verzeih’ mir, Mette, wenn es indiskret war, aber ich war in einer so peinigenden Unruhe, plötzlich fiel mir ein, es aufzumachen. Es war halb Spielerei und halb die Ahnung, daß ich irgend etwas finden könnte, irgend etwas Aufklärendes. Wie ich das Ding aufknipse,“ er tat es, „find’ ich diesen Zettel darin.“
Er gab es Metten in die Hand. Unter die Bänder, die die Zigaretten auf der goldenen Fläche festhalten sollten, war ein Blatt Papier geschoben, darauf stand in Olgas unverkennbarer Handschrift:
„Qui vivens laedit, morte medetur!“