„Qui vivens laedit, morte medetur!“ wiederholte Petermann. „Ein paarmal las ich das wie ein Blödsinniger, ohne etwas zu begreifen, dann stürzte ich hinunter. Ohne Hut, ohne Schlüssel. Unten war das Haus verschlossen. Ich klingelte dem Portier. Er kam nicht sofort. Ich raste die Treppen wieder hinauf, um mir die Schlüssel zu holen. Ehe ich das Haus aufschloß, eh’ ich über die Straße kam, eh’ ich drüben den Portier rausklingelte – das dauerte alles Ewigkeiten. Auf der Treppe begegnete mir das Mädchen, das mich holen sollte. Schreiend und schluchzend. Da war es schon geschehen.“
Mette legte die Stirn auf die Kante des Schreibtisches. Es wurde kein Laut hörbar. Petermann strich ein paarmal mit zitternden Fingern über Mettens Haar.
„Ich muß dir noch etwas erzählen,“ sagte er leise, „Sie hat ganz in deinen Blumen gelegen – vielleicht tut dir der Gedanke wohl. Du weißt doch, damals – als ihr euch trenntet – du liefst weg und deine Leute dir nach, ich hatte den Wortwechsel ja von draußen so halb und halb mit angehört – ich ging nach einer ganzen Weile in mein Zimmer – da stand Olga noch immer mitten im Zimmer, an den Tisch gelehnt. Und wie ich hereinkomme, sieht sie mich an, als wecke ich sie aus dem Schlaf. Ich nehme sie an beiden Armen und rüttle sie. Was ist denn geschehen, Olga? Was hast du denn der Mette getan? Sie sieht mich ganz verstört an und sagt immer wieder: Ich habe etwas Furchtbares getan, oh, Gott, Peterchen, ich habe etwas Furchtbares getan. Sie hatte dich ganz formell fortgeschickt, nicht wahr? Hatte gesagt, du solltest sie nicht mehr belästigen oder so etwas, nicht wahr?
Dann sagte sie wieder: es wäre zu deinem Besten, sie hätte dich fortschicken müssen, es wäre verbrecherischer Egoismus, dich zu halten. Ich sah, wie aufgeregt sie war und stimmte ihr zu, wenigstens halb und halb. Ich war ja doch im Grunde etwas erbittert auf sie. Ich sagte, glaub’ ich, Tante Emilie hätte alle Ursache, ihr dankbar zu sein.
Da nahm sie mich plötzlich bei der Hand und sagte ganz ruhig: ‚Ich lüge ja, Peterchen, ich lüge ja. Es war ja nichts wie hundserbärmliche Feigheit. Aber Mette mußte das wissen, sie kannte mich doch. Ich hätt’ mich auf die Schienen gelegt, oder ich wär’ aus dem Fenster gesprungen, aber ich kann mir nicht von solchen Leuten die Kleider vom Leibe reißen lassen, ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich weiß, ich bin erbärmlich und verächtlich, aber ich kann es nicht, ich kann es nicht.‘ Und immer wieder: ‚Ich kann es nicht!‘ Ich fragte sie, was du geantwortet hättest. Da wurde sie ganz blaß und sagte: ‚Nichts hat sie geantwortet. Nicht ein Wort. Das ist ja das Furchtbare. Sie stand meiner Gemeinheit so wehrlos gegenüber.‘
Sie hatte dann noch eine Auseinandersetzung mit der Flesch. Die Flesch hat sich nebenbei noch unglaublich benommen. Olga wollte keine Stunde länger in dem Hause bleiben. Was ich ihr auch gar nicht verdenken konnte. Sie ging dann hinüber, um ihre Sachen zu packen. Nach einer Weile kommt sie und packt mich am Handgelenk und zieht mich in ihr Zimmer.
‚Da hast du ihre Antwort,‘ sagt sie und zeigt mir das ausgestreute Geld. ‚Sie kann antworten. Wir haben sie unterschätzt.‘ Oh, Mette, warum hast du das nur getan? Wenn ich ehrlich sein soll – ich war damals furchtbar böse auf dich! Sie sagte immer: ‚Was tue ich nur? was tue ich nur?‘ Ich sagte: du packst das Geld in ein Kuvert und schickst es hin, ohne ein Wort dazu. Aber sie schüttelte nur den Kopf. ‚Die Ohrfeige hab’ ich verdient, Peterchen,‘ sagte sie schließlich, ‚die muß ich ganz ruhig hinnehmen.‘ Sie suchte die Scheine zusammen, beinahe liebevoll, möcht’ ich sagen, und sagte ein paarmal ganz leise: ‚Der Kindskopf! sie hat ja nicht gewußt, was sie tut! sie hat ja nicht gewußt, was sie tut!‘ Dann gab sie mir das Bündel Scheine. ‚Heb’ mir das auf, Peterchen. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, wo ich es nötig brauche, und vielleicht ist es mir dann eine Freude zu wissen, daß es von Metten kommt.‘
Ich habe sie in der letzten Zeit so oft daran erinnert, wenn sie vor Sorgen buchstäblich nicht mehr aus noch ein wußte. Aber sie schüttelte nur immer den Kopf und sagte: ‚Noch nicht, noch nicht!‘
Als sie ... tot war,“ die Stimme brach ihm, „da hab’ ich weiße Orchideen gekauft, für das ganze Geld und hab’ sie überschüttet damit. Das sah aus wie ein Märchen.“
Er kam nicht weiter. Die Lippen zitterten ihm, die Tränen stürzten über sein Gesicht.