Olgas Gesicht wurde einen Augenblick ernst und nachdenklich.
„Nein, nein,“ sagte Mette sofort erschrocken, „das war eine Unverschämtheit. Sie sind ja schließlich nicht unsere Gouvernante!“
„Kind!“ sagte Olga, und legte mit einem raschen Sichvorbeugen ihre Hand auf Mettens. „Sind Sie so empfindlich? Das galt doch gar nicht Ihnen! Wollen Sie lesen lernen bei mir? Weiter kann ich Ihnen ja auch nix beibringen! Kommen Sie, ja? Kommen Sie zu mir herauf, sooft Sie wollen, bis es Ihnen langweilig wird.“
„Nie!“ sagte Mette, als spräche sie einen heiligen Eid.
„Aber wissen Sie, ehe wir uns irgendwo festhaken, müssen Sie erst mal einen Überblick haben. Sie müssen sich durch eine Weltgeschichte durcharbeiten. Soll ich Ihnen den Schlosser mitgeben? Es sind achtzehn Bände. Immer einen Band nach dem andern. Ja – Mädel, da hilft dir kein Gott! Wenn du weiter nix tust, kannst du gut hundert Seiten im Tag lesen – ach mehr – und wenn du fertig bist – alle drei, vier Tage – je nachdem – kommen Sie her und tauschen sich den Band ein und trinken hier Tee, und wir plaudern ein bissel. Gell, ja? Wollen wir’s so halten?“
So fing es an. – – –
Und so ging es eine ganze Weile.
Mette las mit einem Feuereifer die Bücher, die Olga Radó ihr gab. Und wenn sie das Buch sinken ließ, mit brennendem Gesicht, dann war ihr, als ob Olga ihr gegenüber säße, und sie fing an, lange Gespräche mit ihr zu führen. Auf jeder Seite stand etwas, etwas Grauenhaftes oder Schönes, etwas Merkwürdiges oder Unverständliches, irgend etwas, was sie Olga erzählen, wonach sie Olga fragen mußte.
Manchmal führte sie diese Gespräche auch in Wirklichkeit, manchmal sprach sie das aus, was sie sich in Gedanken zurechtgelegt hatte, sagte, was zu sagen sie sich vorgenommen hatte – aber nur selten.
Es war das sonderbar Beglückende und Überraschende, was Mette wohl empfand, aber sich viel, viel später erst klarmachte: daß man Olga Radó nicht führen konnte. So stark waren ihre Gedanken, ihre Stimmungen, daß sie im ganzen Zimmer eine Atmosphäre schufen, in der es unmöglich schien, anderer Laune zu sein als sie. Und wer kein Gefühl dafür hatte und einen anderen Ton anschlug als den, in dem Holz und Glas und Luft und Seide leise zu schwingen schienen, der erweckte eine schreiende Dissonanz.