Mette spürte das später manchesmal, wenn Fremde ins Zimmer kamen. Sie selbst rief nie, nicht in den ersten Tagen, einen Mißklang hervor, weil sie still war, weil sie sich selbst ausschaltete, um halb unbewußt und doch beinah ängstlich jede Schwingung aufzufangen, die in der Luft zitterte.
Im Anfang war es halb unbewußt. Sie kam sich so bodenlos klein und dumm vor, daß sie kaum wagte, in Olgas Gegenwart einen Gedanken für sich zu haben. Später, als ihre gesunden Nerven längst fein und dünn bis zum Zerreißen ausgespannt waren, hatte sie es zu einer bewußten Meisterschaft gebracht. Sie pflegte manchmal scherzend zu sagen:
„Heut mußt du in sehr schlechter Laune die Straße entlang gegangen sein. Die Häuser schneiden jetzt noch Fratzen hinter dir her!“ – –
Es war das dritte- oder viertemal, daß Mette oben war. Olga lag auf dem Diwan und rauchte so ununterbrochen, daß die blauen Wolken Mühe hatten, sich zum Fenster hinauszuschieben.
Mette saß im Sessel und las ihr Jean Paul vor:
„Einen anderen freilich, wenigstens den Leser und mich, würde die durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloß, die weite Stille, auf welche die Trommelstöcke schlugen, die Sehnsucht nach dem Geliebten, mit welchem der Morgen wieder das öde Herz und das zerstückte Leben ergänzte, alles dieses würde uns beide mit sanften Bebungen und Träumen erfüllt haben ...“
„Bitte, laß!“ sagte Olga gequält und preßte die Hand gegen die Schläfen. „Sei nicht böse, ich kann es heut’ nicht vertragen, sei lieb, Kind, da oben steht der Walt Whitman – im obersten Fach – weiter nach rechts – oder nein, laß – geh mal nebenan an meinen Toilettentisch, da liegt eine silberne Bürste – nein, die mit dem Stiel – die bring mal her.“
Mette brachte gehorsam die Bürste.
Olga nahm sie ihr aus der Hand, ohne sich aufzurichten und schlug mit dem Rücken einen kräftigen Daktylus gegen die Wand, nach kurzer Pause noch einen und einen dritten.
Mette lachte. „Muß dazu die Bürste sein?“