„Wegen der Günderode.“ –

Petermann wurde ans Telephon gerufen. Es war so still im Zimmer, daß Mette eine ganze Weile nicht zu sprechen wagte.

„Merkwürdig seid ihr,“ sagte sie endlich gepreßt, „wie ihr von diesen Leuten redet – als wären sie euer täglicher Umgang.“

„Das sind sie doch auch,“ sagte Olga fast verwundert. „Das ist doch die einzige Lebensmöglichkeit. Meinst du, ich möchte leben, wenn ich nur Verkehr mit den Menschen hätte, mit denen du mich so zurzeit verkehren siehst? Weißt du – es ist auch die einzige Art zu lesen, ich meine, wenn du zum erstenmal einen Briefwechsel oder einen Memoirenband vornimmst – einen, wo nicht hohe geistige Probleme behandelt werden, dann ist einem doch zumut, als wenn man in einer fremden Gesellschaft sitzt. Die Leute klatschen miteinander und erzählen sich was von Herrn Müller und Frau Schultze, und man sitzt dabei und langweilt sich zu Tode. Wenn man aber Herrn Müller und Frau Schultze kennt, ist’s schon wesentlich amüsanter. Und wenn man in einen verliebt ist und wartet dann mit klopfendem Herzen, ob vielleicht sein Name genannt wird, und was nun der oder der über ihn sagen wird, dann wird’s spannend und aufregend. Peterchen versteht mich so darin. Er ist überhaupt ein feiner kleiner Kerl. Findest du nicht?“

„Ja,“ sagte Mette gleichgültig. „Er ist sehr nett.“

Olga lächelte. „Er ist direkt verliebt in Bettinen und begreift mich nicht.“

„Aber du,“ sagte Mette leise, fast widerwillig, „du liebst die Günderode.“

„Ja,“ sagte Olga mit großen, seltsam glänzenden Augen, „oh, ich liebe sie so! Du glaubst nicht, was ich für Qualen ihretwegen ausgestanden habe. Und ich konnte nichts tun für sie! Vielleicht hat sie Sehnsucht nach Ruhm gehabt – nach äußerlicher Unsterblichkeit – und sie ist so vergessen. Wer weiß denn von ihr? Ich habe mir so gewünscht, etwas Unerhörtes leisten zu können, um sie zu verewigen. Ich wollte Michelangelo sein oder Dante oder Homer – um ihr ein Denkmal zu setzen, und um unsere Namen für tausend Jahre unauflöslich miteinander zu verknüpfen. Oh, es war eine Zeitlang wie eine Krankheit in mir. Es marterte mich einfach, daß ich diese lumpigen hundert Jahre, die uns trennten, nicht überspringen konnte. Weißt du – so muß einem Gelähmten sein, oder einem Gefesselten, der im Nebenzimmer eine Stimme hört, die ihn in allen Nerven erzittern macht, und er kann sich nicht rühren. Manchmal hab’ ich gedacht, man muß es können. Man muß nur wollen. – Ich weiß noch, daß ich eine Nacht auf dem Balkon lag im Liegestuhl und zum Antares hinaufstarrte. Da war es mir wieder, als riefe sie mich. Ich wollte aus meinem Körper hinaussteigen, ich wollte. Und denke dir, ich hatte das Gefühl, als ob es mir gelänge. Ich schwebte über mir. Mein Körper war eiskalt, ich hätte kein Glied rühren können, und da faßte mich plötzlich eine rasende Angst. Ich wußte, ich würde mich verfliegen und nie mehr, nie mehr zurück können. Da kroch ich wieder in mich hinein und trieb mein Herz an und erwärmte mich durch meinen Willen, und nachher schalt ich mich feige und erbärmlich. – Es muß seltsam sein, wenn uns einmal diese Fesseln abgenommen werden. Manchmal freue ich mich direkt darauf.“

„Alles deswegen,“ sagte Mette ein wenig bitter. „So hast du sie geliebt?“

„Ja,“ sagte Olga, „jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Ich hätte doch früher zu keinem anderen Menschen davon reden können. Ich habe Bettinens Bücher versteckt, damit kein Mensch sie bei mir findet. Ich wurde rot und blaß, wenn jemand ihren Namen nannte, oder mir etwas sagte, was mich an sie erinnerte. Du mußt nicht denken, daß ich jetzt darüber lache. Mein Gefühl ist genau dasselbe, ich fühle mich ihr so absolut verbunden – aber ich gehöre ihr nicht so ausschließlich, wie in der ersten Zeit, als ich sie fand.“