Sie schwiegen beide. Stille Dämmerung senkte sich langsam.
„Ich habe nie ein Bild von ihr gesehen,“ sagte Olga. „Ich weiß auch gar nicht, ob es Bilder von ihr gibt. Ich möchte auch keins sehen. Ich habe eine so deutliche Vorstellung von ihr. Ich glaube, wenn ich ein Bild sähe, würde ich erschrecken. Ich würde sicher namenlos enttäuscht sein. Ich habe direkt Angst davor, einmal ganz unerwartet ein Bild von ihr zu finden.“
„Ich wollte, ich fände eins,“ sagte Mette, ohne Olga anzusehen, „ein recht häßliches!“
„Pfui!“ sagte Olga mit ihrer tiefen Stimmen. Kein Wort weiter.
In Mette kämpften Scham und Schmerz. Sie haßte sich selbst. Sie kam sich vor wie ein ungezogenes Kind, dem man ein wunderfeines Gebilde aus venezianischem Glas zeigt, und das aus Bosheit und Rohheit mit dem Stock nach der Herrlichkeit schlägt. Aber zugleich regte sich ein dumpfer Trotz in ihr: warum quält sie mich? Ich will mich nicht quälen lassen!
Sie hatte das Gefühl, daß sie um Verzeihung bitten müsse. Aber das konnte sie nicht.
Wenn sie jetzt ging, dann würde Olga sie nie wieder rufen. Und ungerufen durfte sie nie mehr kommen. Sie würde nie mehr in diesem Sessel sitzen. Sie würde nie mehr den Duft von Lavendel und Zigaretten in diesem Zimmer atmen. Sie würde nie mehr diese Stimme hören.
Das Schweigen dauerte so unheimlich lange. Ja, sie mußte nun wohl eigentlich aufstehen und gehen. Aber es war, als ob der Stuhl sie festhielte, oder die graue Wand drüben, an der ihre Augen hingen. Sie fühlte, im Moment, da sie aufstehen wollte, würden ihr die Tränen aus den Augen stürzen. Das durfte nicht sein. Sie bemühte sich, an irgend etwas anderes zu denken – an etwas ganz Fernliegendes. Nächste Woche wollte sie ins Theater gehen. Darauf hatte sie sich gefreut. Eigentlich war bei jedem Theater- oder Konzertbesuch doch das hübscheste, nachher hier zu sitzen und über das Gehörte und Gesehene zu sprechen. Das würde nun nicht sein. Nächste Woche nicht. Vielleicht nie wieder.
Die Stille im Zimmer war atemraubend. Wenn Olga nur reden wollte. Irgend etwas, sie ausschelten, sie demütigen. Es war so grausam von ihr, zu schweigen.
Mette machte den Versuch, aufzustehen. Sie machte eine Bewegung, die unsichtbar blieb, aber die sie inwendig in allen Muskeln spürte. Zugleich aber konnten die mühsam aufgehaltenen Lider das unaufhörlich quellende Wasser nicht mehr zurückdrängen, sie zitterten, schlossen sich, und die schweren Tropfen stürzten nieder.