Sie sah auf die weiße schlanke Hand, die auf ihren Knien lag, ihre beiden gefalteten Hände fest überspannend. Sie neigte sich langsam auf diese Hand und preßte den Mund, die heißen, tränenfeuchten Wangen dagegen.

„Kind!“ sagte Olga beinah ungeduldig und versuchte mit der anderen Hand ihr die Stirn zu heben. „Wenn ich nur wüßte, warum du weinst!“

Mette schreckte vor diesem Ton zurück. Sie hob den Kopf und starrte wieder auf die graue Mauer jenseits des Hofes.

Olga war aufgestanden. Ihre Hand lag immer noch auf Mettens Kopf. Die kühle, glatte Handfläche preßte sich fest und beinah schwer auf ihre Stirn und ihr Haar. Mette empfand diesen Druck als etwas unendlich Wohltuendes. So, als müßte sie zerspringen, wenn diese kräftige Hand aufhören würde, sie zu halten.

„Ich weiß doch nicht,“ sagte sie leise, „ich möchte auch seit hundert Jahren tot sein. Vielleicht würdest du mich dann auch lieben.“

Da riß Olga Radó mit einer jähen Bewegung Mettens Kopf an ihre Schulter und preßte die Lippen hart und fast gewaltsam auf ihre Stirn.

„Und so? Und jetzt?“ fragte sie kurz. In ihrer tiefen Stimme war ein seltsam vibrierender Klang, wie von mühsam gebändigtem Groll.

Mette fühlte bis in die Schläfen, bis in die Fingerspitzen das rasende Hämmern eines Herzschlags. Aber sie wußte nicht, wessen Herz so schlug.

Sie hatte das Gefühl, daß es nun ihre Pflicht sei, etwas unendlich Großes zu tun. Ihr war, als müsse Olga Radó jetzt in überirdischer Größe vor ihr aufstehen und eine ungeheure Tat von ihr verlangen.

Mette fühlte sich heilig entschlossen, auf ein einziges Wort hin aus dem Fenster zu springen oder sich die Brust mit einem Dolch aufzureißen und ihr zuckendes Herz in beide Hände zu nehmen.