Olga Radó verlangte nichts von alledem. Sie ließ sie plötzlich los und trat aus Fenster. Sie legte die Finger um den Fensterriegel und die Stirn gegen die Scheibe. Und so, ohne sich umzuwenden, ohne den Kopf zu drehen, sagte sie nach einer Weile in einem seltsam ruhigen, ja sachlichen Ton:

„Geh nach Hause, Kind!“

„Warum?“ fragte Mette erschrocken. Sie stand auf, die Füße zitterten unter ihr. Das beklemmende Gefühl von etwas Rätselhaftem, Unheimlichem legte sich ihr schwer auf die Brust. Warum wurde sie fortgeschickt? Was hatte sie begangen?

Sie wollte irgendeine Erklärung haben. Sie wollte die Hände auf Olgas Schultern legen und wollte sie mit Gewalt herumreißen und auf ihrem Gesicht nach einer Antwort suchen. „Ich habe ein Recht dazu“ – dachte sie mit aufsteigendem Zorn – „wahrhaftig, ich habe ein Recht dazu“.

Wie sie den ersten Schritt nach dem Fenster zu machte, fuhr Olga mit einer heftigen Bewegung herum. Sie kreuzte die Arme über der Brust und umklammerte mit gespreizten Fingern die Ellbogen. In dem weißen Gesicht flackerten die Augen tiefdunkel und drohend.

„Du sollst nach Hause gehen,“ sagte sie mit so gezwungener Ruhe, als bändige sie mühsam eine maßlose Wut. „Kannst du nicht hören? Bin ich nicht Herr mehr in meiner eigenen Wohnung? Nimm deinen Hut und geh. Geh, geh, geh, geh!“

Der aufflammende Zorn in Mette war erloschen. Nur noch Angst war in ihr und eine tiefe, tiefe Traurigkeit.

Irgend etwas wollte sie wie mit Peitschenhieben zu Olga hintreiben. Sie wollte vor ihr auf die Erde fallen, sie wollte ihre Knie umklammern, sie wollte sie anflehen:

„Weine doch, schreie, schlag’ mich, aber tu dir nicht so Gewalt an – sag mir, was du hast – ich will sterben für dich, aber schick mich nicht fort, wenn du leidest!“

Sie stand und rührte sich nicht.