Sie fühlte sich beim Erwachen so befreit, so voll unbändiger Lebenskraft, als sei mit einem Schlage alles Trübe hell, alles Schwere leicht geworden.

Sie fühlte sich fähig, den Kampf mit allen Hemmungen und Hindernissen aufzunehmen. Ja, es schienen ihr gar keine Hemmungen und Hindernisse mehr vorhanden.

Sie würde heut’ die Bücher hintragen, die sie von Olga Radó geliehen hatte.

Und dann würde sie sie zur Rede stellen. Sie ganz frank und heiter fragen, was ihr eigentlich eingefallen wäre. Und ob sie die Absicht hätte, sie wieder hinauszuwerfen – dann solle sie diese Absicht nur ruhig aussprechen ...

Aber sie würde es nicht tun. Es war eine Laune gewesen, eine Gereiztheit – aber im Grunde doch gar keine ernstliche Verstimmung, kein Streit zwischen ihnen.

Und wenn sie irgend etwas begangen hatte in Olgas Augen, so wollte sie Aufklärung haben, und dann wollte sie – ach was, ihretwegen ja! – dann wollte sie sogar um Verzeihung bitten.

Mette pfiff und summte vor sich hin, während sie sich anzog und ihr Haar aufsteckte. – – –

Als sie klingelte, schlug das dumme Herz wieder so atemraubend. Dass kam vom raschen Treppensteigen.

Erna machte ihr auf. Mette war nicht mehr gewohnt, sich melden zu lassen. Sehr oft wußten die Mädchen gar nicht, ob die Gäste der Pension zu Hause waren. Sie wollte mit einem: „Guten Morgen, Erna!“ vorüber.

Das Mädchen machte ein erstauntes Gesicht.