Sie sah ein paar Sekunden zu Boden, hob dann die unbeschreiblich klaren und leuchtenden Augen auf und sagte betont:

„Alles, was Leben hat, hat auch Unsterblichkeit. Leben an sich kann nicht sterblich sein. – Das klingt wie ein Sophismus, ist aber keiner. Es wechselt nur die Form. Nun möchte ich wissen, ob es nur die uns wahrnehmbare, die Erscheinungsform wechselt, das heißt, ob jede Maikäferseele ein in sich abgeschlossenes ist, das wieder nur dazu dient, einem neu entstehenden Maikäfer Leben zu geben, oder ob Sterben und Geborenwerden ist, wie Tropfen, die ins Meer zurückfließen und wieder aus dem Meer geschöpft werden. Die Tropfen bleiben nicht in sich zusammenhängend, verstehst du? Und viele Tropfen geben einen Eimer. Vielleicht ist nur die Quantität ausschlaggebend und nicht die Qualität ... Vielleicht hat ein Mensch Millionen Maikäferseelen in sich. Man müßte einmal die Maikäfer auf der ganzen Erde zählen. Wenn eine Maikäferseele sich in Ewigkeit gleich bliebe, so müßte immer die gleiche Anzahl von Maikäfern existieren. Wo sind aber dann die Seelen der Tiere, die positiv ausgestorben sind? Oder flutet das Leben von einem Stern zum andern ungehindert hinüber? –

Aber ich glaube das alles nicht. Ich glaube eigentlich an eine Entwicklung, an einen Fortschritt. Man kommt von da ganz unten her – weißt du? – aus Abgründen viehischen Lebens – oh, ich weiß ganz genau, daß ich von da her komme – aber jedes Leben heißt ‚Aufwärtsentwicklung‘, jedes neue Leben fangen wir eine Stufe höher an.“

„Ach, Unsinn!“ sagte Mette ungläubig. „Woher willst du das wissen! Ich glaube nicht an unsterbliche Maikäferseelen. Ich glaube nicht einmal an meine eigene Unsterblichkeit. Alles Leben ist chemische Veränderung. Und das, was du Seele nennst, alle Eigenschaften des Geistes und des Charakters, das ist Blutzusammensetzung.“

„Mette!“ sagte Olga ganz erschrocken. „Und mit dem Gedanken kannst du leben? Und mit dem Gedanken willst du sterben? Ich würde mich fürchten vorm Tode, wenn ich nicht wüßte, daß ich unzerstörbar bin. Ich empfinde mich selbst so stark, viel stärker als den Tod. – Ich bin genau das, was ich als kleines Kind war. Nicht unverändert. Ich bin mehr geworden. Aber nicht ein Körnchen ist abgebröckelt. Und das, was ich jetzt bin, erhalt ich mir. Ich gebe nichts her davon. Das weiß ich. Aber ich nehme zu, ich wachse. Manchmal ist es wie ein Stillstand – dann geht es wieder ruckweise – manchmal eine ganze Strecke in rasendem Tempo, immer aufwärts –“ Sie schwieg, und sah mit weiten Augen geradeaus.

„Und dann?“ fragte Mette, immer noch mit leisem Widerspruch im Ton. „Was wird dann? Kommst du in den Himmel und wirst ein Engel mit weißen Flügeln?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga nachdenklich. „So wenig weiß ich, daß ich selbst das nicht abstreiten kann. Eigentlich bin ich überzeugt, daß ich zunächst ein Mann werde. Und danach ein Heiliger oder ein Genie. Das ist das Höchste, was wir kennen. Die andere höhere Form, die dann kommt – davon weiß ich nichts. Aber wir müssen die fragen, die ihr am nächsten stehen – die vielleicht schon ein Vorgefühl davon haben können – die Genies – oder die Heiligen.“ – – –

Einmal, als Mette ins Zimmer kam, sah sie, daß Olga etwas versteckte. Sie schob einen offenen Brief, den sie in der Hand hielt, rasch unter die Bücher auf dem Schreibtisch. Mette glaubte zu bemerken, daß sie während der Begrüßung irgendwie zerstreut, ärgerlich, verlegen war.

„Was hast du?“ fragte sie, ohne ihre Hand loszulassen. „Hast du Ärger gehabt? Du kommst mir heut’ so komisch vor.“

„Ich?“ Olga errötete. Es lief wieder die rasche, dunkelnde Blutwelle über ihr Gesicht, die es im nächsten Augenblick um so weißer erscheinen ließ. „Was fällt dir ein? Warum soll ich Ärger gehabt haben? Im Gegenteil.“