„Im Gegenteil?“ sagte Mette mit etwas erzwungener Heiterkeit. „Du hast Freude gehabt, die dich so okkupiert? Dann wäre es allerdings indiskret, weiter zu fragen. Sprechen wir von etwas anderem. – Ich habe dir deinen Chamberlain wieder mitgebracht. Und habe dir auch gleich den Herz mitgebracht. Vater hatte ihn in der Bibliothek.“
Sie sprachen von dem und jenem. Aber Mette konnte den Brief nicht vergessen. Während sie redete, gingen ihre Gedanken immer andere Wege.
„Was ist das nur?“ dachte sie. „Eifersucht? Hab’ ich denn ein Recht dazu? Wie komme ich eigentlich dazu, verletzt, mißtrauisch, ja zornig zu sein, weil diese Frau einen Brief erhält, den sie mich nicht sehen lassen will? Herrgott im Himmel, sie ist doch durch nichts an mich gebunden, mir in Nichts verpflichtet. Sie kann heimlich verlobt sein, sie kann ein Dutzend Liebschaften haben – wie käme sie dazu, mir alles zu erzählen, mich zu ihrer Vertrauten zu machen? Was geht es mich überhaupt an, was sie für Briefe bekommt?“
Mette war böse auf sich selbst und schalt sich aus. Und dabei war sie gequält und traurig, kämpfte dagegen an und konnte es nicht überwinden.
„Es ist nicht Eifersucht,“ dachte sie, „es ist nicht Besitzer-Wahnsinn. Es ist einfach die Erkenntnis, daß man das Leben nur ertragen kann, wenn man Hand in Hand geht. Es ist das Bewußtsein, daß ich nur weiterkomme, wenn Olga meine Hand hält und mich führt. Ich habe das Gefühl, daß sie meine Hand losgelassen hat, daß zwischen uns eine Tür ins Schloß gefallen ist, daß ich allein stehe, hilflos, im Dunkeln, und daß sie lachend weitergeht – ich weiß nicht, mit wem ...“
Olga wurde ans Telephon gerufen. Es dauerte lange, ehe sie wiederkam.
Mette saß einen halben Meter vom Schreibtisch entfernt. Unter einem Bücherstoß ragte eine Ecke des weißen Briefblatts hervor. Wenn sie den Arm ausstreckte, konnte sie es berühren, konnte es hervorziehen, ohne von ihrem Platz aufzustehen.
Es war ein qualvoller Kampf. Sie hätte sich ohrfeigen mögen, weil sie nur auf den Gedanken einer Möglichkeit kam.
Es war ein Verbrechen, was sie begehen wollte – oh, es war schlimmer, es war unfein, taktlos, verächtlich. Aber sie fand tausend Gründe, sich zu entschuldigen:
„Es ist ja nicht Neugier –“ schrie es innerlich in ihr, „wem tu ich damit weh? Wem tu ich ein Leid? Niemandem. Nicht ihr, nicht dem, der den Brief geschrieben hat. Und für mich ist es von so unendlicher Bedeutung. Ich klammere mich mit allen Fasern an diesen Menschen und weiß gar nicht, was es für ein Mensch ist. Warum ist sie so verschlossen? Wenn ich mir eine Gewißheit verschaffen kann, die vielleicht mit einem Schlage mein ganzes Leben ändert, so tue ich das um jeden Preis – und wenn es um den Preis eines Verbrechens ist.“