Sie hob das Blatt auf und war einen Augenblick in Versuchung, es an die Lippen zu führen.

Dann fing sie an zu rechnen. Die paar Mark Ersparnisse, die sie von ihrem Taschengeld machen konnte – nein, das langte nicht. Sie hatte zu sehr verschwendet, namentlich mit den Blumen. – Aber hatte sie sonst nichts? Sie ließ wie suchend die Blicke durch den Raum gleiten. Bücher? Nein, die gab sie nur im letzten Notfall her. Aber Schmuck. Den ganzen Kram, aus dem sie sich so absolut nichts machte. Es würde niemand danach fragen, wo Armbänder und Ringe, Halskettchen und Vorstecknadeln geblieben waren. Sie trug ja doch dergleichen Dinge nie. Schlimmstenfalls konnte man vorgeben, etwas verloren zu haben. Oder man konnte am ersten, wenn es Taschengeld gab, diese oder jene Kleinigkeit wieder einlösen.

Der ganze Inhalt der Schmucktruhe wurde in Seidenpapier gewickelt und in die Tiefe der Manteltaschen versenkt.

Der Gang zum Leihamt war leicht. Mette entsann sich fast mit Vergnügen, daß sie bei einem solchen Unternehmen nicht ohne Übung war.

Schlimmer war es, Geld und Rechnung in das Modeatelier zu bringen. Mette hatte dabei ein Gefühl, als ob sie einen schweren Betrug verüben sollte. Die Schmucksachen zu versetzen, die ihr geschenkt waren, dazu hatte sie ein gutes Recht. Aber für Olga Radó zu handeln, in Olga Radós Namen etwas zu tun, das schien ihr ein unerhörtes Wagnis. Und es war so schwer, den richtigen Ton zu treffen. Schulden zu haben, war nach allem, was Mette je gelernt und erfahren hatte, etwas sehr Entwürdigendes und beinah Schmutziges.

Wenn man also kam, um Schulden zu bezahlen, endlich, nach langem Mahnen, so mußte man ganz demütig kommen und um Verzeihung bitten. Anders, wenn man von Olga Radó kam. Dann konnte man nur mit der Miene eines fürstlichen Abgesandten auftreten und mit hoheitsvoller Überlegenheit den vergessenen Bettel erledigen.

Mette zog ihr bestes Kleid an und machte ihr hochmütigstes Gesicht. Es ging viel besser als sie erwartet hatte. Die Leute behandelten sie wirklich wie einen fürstlichen Abgesandten – sie war sehr stolz darauf, doppelt stolz, weil sie annahm, daß diese fast unterwürfige Liebenswürdigkeit Olga Radó galt.

Ja, das war alles ganz leicht. Aber nun trug sie die quittierte Rechnung in der Tasche und hätte nicht um alles in der Welt den Mut gefunden, sie Olga zurückzugeben. Sie beruhigte sich damit, daß es ja auch wohl kaum nötig wäre. Die Leute würden nun nicht mehr mahnen, und Olga würde die ganze Angelegenheit vergessen.

Nach acht Tagen triumphierte Mette schon heimlich und hielt jede Gefahr für glücklich vorübergegangen. Da wurde sie eines Tages von Olga mit eiskaltem Gesicht empfangen.

„Was fällt dir eigentlich ein?!“ sagte Olga statt jeder Begrüßung, „wie kommst du eigentlich dazu, mir so etwas zu machen.“