„Wann?“ fragte Olga in höchstem Erstaunen.

„Während du am Telephon warst.“

Olga antwortete nichts. Sie senkte den Kopf und sah schweigend auf den Boden. Mette sah, daß sie mit festgeschlossenem Mund mit den Zähnen an der Unterlippe nagte ...

Das Schweigen war fürchterlicher als jedes harte Wort. Mette kam sich unglaublich verworfen vor. Und die Inquisition hatte noch kein Ende. Es kamen noch schlimmere Fragen, ganz gewiß, noch viel schrecklichere.

Nach einer Weile hob Olga den Kopf. „Du konntest doch aber gar nicht wissen, was das war. Es konnte doch gerade so gut ein ganz persönlicher Brief an mich sein?!“

Mettes Stirn fing an zu brennen. „Jetzt müßte ich lügen“ – dachte sie einen Moment – „sagen, ich habe die Zahlen gesehen, oder den Firmenaufdruck.“ Aber sie konnte nicht lügen. Sie hatte etwas so Verächtliches getan, sie hatte kein Recht, sich Olgas Verzeihung durch eine Lüge zu erkaufen. Sie mußte eingestehen, abbitten – büßen.

„Das dachte ich ja!“ sagte sie mit fast heftiger Entschlossenheit. Aber dabei konnte sie nicht in Olgas Gesicht sehen. Sie sah an ihr vorüber aus dem Fenster. Aber ohne hinzusehen, sah sie, daß Olga eine hastig auffahrende und gleich wieder unterdrückte Bewegung machte.

„Das hast du dir gedacht?“ sagte sie.

Metten schien es, als ob sie mühsam, mit gewaltsamer Beherrschung so leise spräche, um nicht zu schreien.

„Aber ich bitte dich, du mußt doch irgendeinen Grund gehabt haben. Ich kann doch nicht annehmen, daß du aus einer ganz dienstmädchenhaften Neugier in jedes fremden Menschen Briefen stöberst.“