„Sei nicht bös, ich mußte fort. Wenn du kannst, komm abends zu mir. Aber nicht direkt, fahr erst nach Hause.“
Mette faltete das Blatt zusammen und schob es mechanisch in die Tasche. Sie ging langsam und mit schweren Füßen wieder durch den Garten und an ihren Platz.
Sie versuchte, sich von ihren Gedanken und Empfindungen Rechenschaft zu geben.
Sie wäre froh gewesen, wenn sie Olgas rätselvolles Betragen als Laune, als Rücksichtslosigkeit hätte nehmen können und sich einfach darüber ärgern und entrüsten.
Aber sie fühlte, daß ein Mehr dahinter war. Irgend etwas Dunkles, Drohendes, wovon sie nichts wußte. Mit wem hatte Olga gesprochen? Wer hatte sie so dringend fortgerufen?
Für sie war Olga Radó das Leben, das wußte Mette. Alles andere war eine dumpfe Qual oder Vorfreude auf die Stunden, die sie mit ihr zusammen sein durfte, oder Erinnerung an die Stunden, die sie mit ihr verbracht hatte.
Aber was war sie für Olga?
Irgendein Nebenher, ein beiläufiger Zeitvertreib, eine Episode eines reichen, bunten, starken Lebens, eine gehorsame kleine Sklavin, ein Haustierchen, das man verhätschelt, ein bequemes Etwas, das man rufen und fortschicken kann, und das noch nicht einmal fragen durfte, warum es gerufen oder fortgeschickt wurde. Nichts wußte sie davon, nichts, was eigentlich dieses Leben erfüllte, was ihm Inhalt gab, nichts wußte sie von den Menschen, die für Olga Schicksal waren, die ihr den Mut zum Leben gaben, den sie von ihr empfing – nichts wußte sie von dem, der sie jetzt fortgerufen hatte, dem sie folgte, ohne daran zu denken, daß sie der armen kleinen Mette den Tag zerstörte, auf den sie sich so gefreut.
Mette konnte sich nicht zum Heimweg entschließen. Sie trug ihren Hut in der Hand und ging in tiefen und traurigen Gedanken an den Ufern des Sees entlang.
Erst die plötzlich einfallende Dämmerung weckte sie auf und trieb sie nun in Hast dem Bahnhof zu.