Im Moment, als sie im Begriff war, auf dem Bahnsteig eine Wagentür des einfahrenden Zuges zu öffnen, fühlte sie einen Blick, der sie zwang, sich umzuwenden.

Sie sah in das völlig ausdruckslose Gesicht des Mannes in dem braunen Überzieher. Er öffnete die Tür zum Nebenabteil und stieg in den Zug.

Mette erschrak tödlich und wußte nicht warum. Dieser Mann lief nicht hinter ihr her, weil er Gefallen an ihr fand. Das wußte sie deutlich. War es Zufall? Was in aller Welt konnte es sonst für einen Zweck haben? Plötzlich faßte sie ein unerklärliches Grauen. Er hatte so ein merkwürdig leeres Gesicht und einen starren und dabei doch scheuen Blick. Vielleicht war es ein Irrsinniger. Einer, der irgendwo entsprungen war.

Am Bahnhof Zoo bemühte sie sich, unter der drängenden Menschenmenge sich zu verstecken. Aber sie fühlte den Fremden unentwegt hinter sich. Ihr schien es, als klammerte sich seine Hand in der Manteltasche um einen Revolver oder um ein Stilett. In jedem Augenblick konnte das blitzende Eisen oder die Kugel sie in den Rücken treffen. Sie fühlte schon den scharfen Schmerz zwischen den Schulterblättern und preßte unwillkürlich die Rückenmuskeln zusammen.

Während sie die dämmerigen Straßen hinunterjagte, wagte sie nicht, sich umzusehen. Erst, als sie das Haus aufschloß, spähte sie die Straße hinunter. Er war natürlich nicht gefolgt. Es war alles eine lächerliche Einbildung.

Als sie innen im Treppenflur stand, warf sie noch einen Blick durch die Glasscheibe der Tür.

Auf der anderen Seite der Straße, das Haus von oben bis unten aufmerksam betrachtend, ging der Mann in dem braunen Überzieher. – – –

Die Tischunterhaltung quälte sich mühsam hin.

Als Mette mit Essen fertig war, sagte sie (sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich mit allen Sachen ausdrücklich an ihren Vater zu wenden):

„Du erlaubst doch, Papa, daß ich noch eine Stunde zu meiner Freundin gehe? Ich bin um zehn wieder hier.“