Da geschah etwas Seltsames. Franz Rudloff legte eine zur Faust geballte Hand auf den Tisch, richtete den Oberkörper ein wenig aus seiner zusammengesunkenen Haltung auf und sagte:
„Mette!“ ... so, als wenn er zu einer längeren Rede ansetzen wollte.
Da traf ihn ein Blick von Tante Emilie. Mette fühlte diesen Blick die Luft durchschneiden und fing ihn noch auf. Es war ein kurzer und scharfer Blick, befehlend und fast erschrocken, ein Blick, der unzweideutig hieß: „Schweig!“
Franz Rudloff fiel wieder in sich zusammen, schlug die Augen nieder, rollte seinen silbernen Serviettenring hin und her und sagte:
„Gewiß, ... also ja ... wenn du meinst ... schön!“
Mette fühlte, daß auch hier irgendwas vorging, wovon sie nichts wußte. Das verursachte ihr weder Angst noch Schmerz – aber ein peinvolles Unbehagen.
Die Welt war heute fremd und rätselhaft. Sie spürte plötzlich Moorboden unter den Füßen und wußte nicht, wie sie die Schritte setzen sollte. Olga hätte sie heute nicht verlassen dürfen, nicht heute, nicht an diesem Tage.
Eine heiße, schmerzhafte Sehnsucht quoll in ihr auf, wie schon sooft, stark wie ein mühsam unterdrückter Schrei:
„Mutter!“ – – –
Unterwegs waren ihre Gedanken nur noch bei Olga. Was da geschehen sein mochte? Ob sie das wenigstens erfahren würde? Vielleicht war jemand krank? Verunglückt? Jemand, der Olga nahestand. Vielleicht konnte sie sich irgendwie betätigen, helfen. Sie fühlte die Kraft, jede Anwandlung von Eifersucht zu unterdrücken, sich selbst zu vergessen und hintanzusetzen, wenn man sie nur teilnehmen ließ an dem, was geschah und nicht alle Türen vor ihr zuschlug. Das hatte sie nicht verdient, es gab so qualvolle Unrast – jeder schneidende Schmerz war zehnmal besser als dieses hilflose Im-Dunkeln-Tappen.