Während Mette die Stufen hinaufstieg, fühlte sie sich irgendwie kampfgerüstet. Sie wollte es Olga sagen, daß sie das nicht mehr ertrug. Ertrug? Nein, daß sie es sich nicht mehr gefallen lassen wollte, daß sie kein dummes Kind sei, das man ohne ein Wort der Erklärung einfach sitzen lassen könne – daß alle diese Dinge sie nervös machten – oh, so nervös! Und daß ihr – bei Gott! – nächstens auch einmal die Galle überlaufen werde!

Olga hatte noch einen Schleier über die Lampe gehängt, so daß eine matte, violette Dämmerung im Zimmer war. Sie lag auf dem Diwan, bis an die Schultern in ihre große Felldecke gewickelt.

Als Mette sich zu ihr setzte, spürte sie, daß sie zitterte wie vor Frost. Da war all der Zorn und Trotz, der noch in dem kalten „Guten Abend“ gelegen hatte, verflogen. Sie legte die Hand auf ihre Stirn:

„Hast du Fieber?“ fragte sie besorgt.

Olga schüttelte nur den Kopf. Es schien, als ob ihr irgend etwas in der Kehle saß, was sie am Sprechen hinderte.

Dann machte sie plötzlich mit einer ungeduldigen Bewegung beide Arme von der Decke frei und griff nach Mettens Händen.

„Du bist mir böse, Kind!“ sagte sie hastig, wie gejagt. „Du hast ja auch allen Grund. Verachtest du mich? Du kannst mich ruhig verachten. Ich bin ja so feige, Mette, so erbärmlich feige! Ach, Kind, du kannst alles von mir verlangen, ich will dich aus einem brennenden Haus holen – dich?! Ach! Einen Hund, ein Spielzeug, an dem dir liegt – ich will durchgehende Pferde aufhalten, ich will – ach, ich weiß nicht, was ich will – aber darin bin ich feige. Ich kann es nicht noch einmal durchmachen in meinem Leben, ich kann es nicht. Du weißt nicht, was ich ausgestanden habe. Ich habe nächtelang dagesessen mit dem geladenen Revolver und habe gesagt: Tu’s, tu’s, damit nicht wieder so ein Tag kommt ... und dann war das Leben wieder so wahnsinnig schön, und ich hab’s nicht getan. Dann bin ich stundenlang in der Galerie herumgelaufen und habe vor allen Bildern gestanden und gestarrt und nichts gesehen. Und immer den Blick in meinem Rücken gefühlt. Dann bin ich nach Mödling hinausgefahren, wie ich eingestiegen bin, der Mann hinter mir, wie ich ausgestiegen bin, der Mann hinter mir – ach, ich weiß, einmal bin ich in meiner Verzweiflung in ein fremdes Haus hineingelaufen, alle Treppen hinauf, und hab’ immer gedacht, ich will klingeln und die Menschen bitten, sie sollen mich um Gottes und aller Heiligen willen eine Stunde in ihrer Wohnung behalten. Oder ich wollte ihnen etwas erzählen von irgendwelchen Leuten, die sie grüßen lassen – die mich hinschicken – und dann dacht ich, sie halten mich sicher für geisteskrank oder für eine Schwerverbrecherin und lassen mich erst recht festnehmen. Und dann bin ich bis auf den Boden gelaufen und bin da oben herumgeirrt und habe geheult wie ein kleines Kind. Und wie ich mich endlich hinuntergetraut habe, stand der Kerl immer noch da und starrte auf die Haustür. O Mette, in der Zeit hab’ ich immer die ganzen Nächte das Licht brennen lassen, weil ich im Dunkeln überall das Gesicht gesehen habe.“

Mette hielt Olgas eiskalte, unruhige Hände in den ihren fest.

„Wessen Gesicht?“ fragte sie leise und verwirrt, als Olga schwieg. „Ich verstehe dich nicht, Liebes.“

„Das ist gut, Kind!“ sagte Olga. „Das ist ja so gut! Sonst hätt’ ich dich ja auch nicht allein gelassen. Aber dir konnte ja nichts geschehen. Dir konnte ja gar nichts geschehen! Bist du nach Hause gegangen? Ja? Wann? Gleich? War er noch da? Hat er dich nach Hause gehen sehen?“