„Darf ich das nicht?“ fragte Olga trotzig zurück, und über ihr Gesicht, das von Blässe fahl schien, flog wieder das dunkle Rot.
„Nein, ich weiß, ich darf mir das nicht leisten. Ich bin hysterisch. Ich bin überspannt. Es ist mir ja so egal, wofür du mich hältst. Wenn mir danach zumute ist, dann wein’ ich eben!“
Sie versuchte umsonst, die zitternden Lippen aufeinander zu pressen. Aus den Augen, deren übergroße Pupille schwarz die ganze Iris überdeckte, stürzten die Tränen und fluteten über die weißen Wangen. Sie versuchte, den Kopf nach der Wand zu drehen. Aber Mette hielt sie fest. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der Mut kam.
Nie war Olga ihr gegenüber zärtlich gewesen. Nie hatte Mette es gewagt, zärtlich zu sein.
Aber als sie das schöne blasse Gesicht jetzt vor sich sah, tränenüberströmt, zerwühlt von einem fremden Schmerz, mit den großen, tiefen Augen, die schrien von einer mühsam verborgenen Qual, da quoll das heiße Mitleid in Mettens Herzen über, sie preßte die Lippen auf diese nassen Wangen, die nassen Augen, den armen zitternden Mund.
„Nicht weinen, Süßes,“ bat sie leise, selbst mit den Tränen kämpfend. „Nicht weinen, Liebes, ich frag’ ja nicht mehr, ich will ja nichts wissen. Nur nicht mehr traurig sein. Tu mir an, was du willst, aber weine nicht so! Ich kann dich nicht weinen sehen. Hör’ auf, Liebes, ich bitt’ dich, weine nicht mehr!“
Olga ließ sich zur Ruhe schmeicheln wie ein unglückliches Kind. Sie schloß die zitternden Augenlider und lächelte, während noch die Tropfen über ihr Gesicht rollten. Sie legte den Kopf müde in die Kissen zurück. Durch den ganzen schlanken Körper ging eine Bewegung wie ein erlöstes Sichstrecken.
Sie nahm Mettens Hand und legte sie auf ihre heiße Stirn.
„Gutes!“ sagte sie leise und dankbar. „Mein Gutes!“
Und dann immer noch mit geschlossenen Augen hob sie Mettens willenlose Hand von der Stirn und legte die Innenfläche der kühlen Finger auf ihren Mund. Und hielt sie da mit beiden Händen fest, lange, lange.