»Glaubst du das so sehr?«
»Ja, warum haben sie sich denn sonst alle die Mühe gemacht? Sie selbst haben doch, glaube ich, nicht so arg viel Freude davon gehabt! Sie sahen nicht so aus.«
»Nein, das glaube ich auch nicht!«
»Ja, für wen tun sie es dann eigentlich? – Manche Menschen verstehe ich doch nicht.«
»Nein, ich auch nicht!« –
Am Sonntag nach dem Kindergottesdienst kam Ilse von Herder schnell auf Hanni zu: »Du, heute nachmittag könnt ihr nun doch leider nicht bei mir sein. Es ist mir zu leid. Aber es kommen hochgestellte Gäste von außerhalb, da muß Mama ihre Gedanken ganz darauf richten. Und auch die Leute haben keine Zeit für uns. Ein rechter Jammer! – Aber ade! ich muß auch Lena und Herta noch erwischen. Bitte, sage du Käte Bescheid!«
Eigentlich waren die beiden Freundinnen über diesen Ausfall nicht so sehr traurig. Es war ihnen immer reichlich steif und feierlich bei Herders; sie mußten so sehr »manierlich« sein, was besonders Käte sehr störend fand.
»Dann hast du nun doch noch einen Abend für mich frei, nicht wahr?« meinte Käte entzückt. »Letzthin wollte deine Mutter nicht gern davon hören, weil sie meinte, es würde zuviel Unruhe für dich.«
Frau Gerloff tat ihrem Liebling von Herzen gern den Gefallen, und auch ihr selbst war es lieb, noch einen Abend mit der Cousine ihres Mannes zusammen zu sein, von der sie sich so ungern trennte. Sie wußte, wie schmerzlich die einsam lebende junge Witwe die Verwandten entbehren würde, bei denen sie stets Trost und Anhalt gesucht in den dunkelsten Stunden. – Als vor Jahren die zarte, fünfundzwanzigjährige Frau in tiefstem Gram ganz versank – rings umher war Siegesfreude nach Sedan, aber sie beweinte den, der ihres früh verwaisten Lebens Licht, der Vater ihrer so kleinen Kinder gewesen –, da war Frau Gerloffs stets gleiche, teilnehmende Liebe das einzige gewesen, was ihr noch Halt gab. Erst ganz, ganz allmählich hatte sie eingesehen, daß es ihre Pflicht sei, weiterzuleben für ihre Kinder; – und noch viel allmählicher war ihr eine Ahnung aufgegangen von der Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Aber zaghaft und schüchtern war ihr Sinn immer geblieben.
Ihre Käte war anderer Art. Sie hatte die krausen Haare und den geraden Sinn ihres Vaters geerbt. Fest sah sie ins Leben. Wenn ihr jemand in den Weg trat, ballte sie die kleinen Fäuste und wich nicht zur Seite. Wo ihre zarte Mutter zögerte und schwankte, griff sie ohne weiteres zu; und das Verhältnis hätte leicht verkehrt werden können, wenn sie nicht ihr Mütterchen so glühend geliebt hätte – fast mit einem ritterlichen Gefühl – gerade wie ihr Vater!