Leidige Zusammenstöße hatte sie oft mit ihrem Bruder Ernst, der die sensible Natur der Mutter geerbt hatte und leicht gereizt und verstört war. Empören konnte sie sich über sein ängstliches Zögern bei der kleinsten Schwierigkeit. O, man konnte ja aus der Haut fahren bei so viel Umständen und Nöten! Und dies Gefrage: »Was soll ich nun tun?« »Wie soll ich dies anfangen?« – »Mensch, hilf dir selber!« herrschte sie ihn oft rauh an. Und wenn sein wehklagendes: »Es geht nicht!« erscholl, so fuhr sie ihm heftig an den Kragen und schüttelte ihn derb.
Dabei kam ihr niemals in den Sinn, wie schwer der kleine Pessimist an sich selber zu tragen hatte, und welche Hilfe ein ermunterndes Wort, eine bereitwillige Hand ihm gewesen wären. – Da waren die Zwillinge doch andere Kerlchen; mit denen mochte sie spielen! Selig rannten sie der großen Schwester entgegen, so oft sie ihren Schritt auf der Treppe hörten, und es gab ein Jauchzen und Lärmen, daß Ernst sich jammernd beklagte: »Dabei kann kein Mensch Rechenarbeit machen!«
Ein Sonnenstrahl fiel jedesmal in sein oft beschattetes Leben, wenn Hanni Gerloff zum Besuch kam. Die neckte ihn nie und hatte immer ein Auge für seine Angelegenheiten.
An dem bewußten Sonntagabend spielte sich gerade wieder ein kleiner Streit zwischen Bruder und Schwester ab. Die Kinder standen auf dem Flur, als die Gäste eintraten, und Hanni sah auf den ersten Blick Ernsts nur notdürftig getrocknete Tränen. »Käte ist zu greulich!« platzte er recht unritterlich heraus; »sie will nicht, daß ich Mutti bitte, aufbleiben zu dürfen. Kleine Kinder gehörten ins Bett! – Und was ich überhaupt wollte – ich störte euch beide nur!« – Neues Schluchzen.
»Nein, Erni, greulich ist Käte gewiß nicht, ich würde mich sonst doch hüten, sie zu besuchen! Aber ich glaube, sie ist ein klein bißchen dumm, daß sie meint, du würdest uns stören – das fällt dir doch nicht ein? Und dann erst, wenn du erfährst, was in meiner Tasche steckt! – Nein, nein, halt! Nach dem Tee! Jetzt wollen wir erst deine Mutter tüchtig bitten, daß du aufbleiben darfst!«
Dazu gehörte nicht viel Überredung. Die kleine Frau sagte sehr viel lieber »ja« als »nein« zu den Wünschen ihrer Kinder – und bald saß alles behaglich beim Tee. Die beiden Mütter hatten sehr viel zu besprechen, Großes und Kleines, und die jungen Mädchen zogen sich bald in den traulichen Winkel zurück, der Kätes Besitztümer barg. Von Ernst sah und hörte man nichts. Er war ganz versunken in die Herrlichkeiten eines Briefmarkenalbums, das Hanni ihm vererbt hatte. Viel zu früh für alle verging der gemütliche Abend, und als beim Abschied die Herzen gar zu schwer werden wollten, sagte Frau Gerloff: »Käte, hole doch eben den Kalender. Wo sind wir jetzt? Sieh, hier: 5. Juni! – Noch eins, zwei, drei, vier Wochen! – Beginnen nicht da eure Ferien? Gut! Nun gehen wir nicht eher weg, als bis Mutti uns fest verspricht, am 10. Juli, wenn ihr aus der Schule kommt, schon alle Koffer gepackt zu haben und Max und Moritz gestiefelt und gespornt. Und dann geht’s zum Bahnhof – und abends seid ihr in Schönfelde – soll es so sein?«
Frau von Platen wollte Einwendungen machen, es sei zu bald, und mit den vier Trabanten auch zu viel Unruhe. Im Grunde konnte sie das Glück kaum fassen, aufs Land zu sollen, für Wochen aus allem Kleinkram und Druck des täglichen Lebens heraus – mit ihren Kindern von Morgen bis Abend in Gottes schöner Natur, was hier doch höchstens ein paarmal im Jahre und auch dann nur unter großen Schwierigkeiten möglich war! Es schien fast zu schön, um wahr zu sein. Aber nun geriet auch Hanni in Feuer:
»Liebe, liebe Tante, du mußt es fest versprechen! Es wird zu schön, hörst du? Max und Moritz bekommen einen Sandhaufen, so groß wie –«
»Wie ein Omnibus!« half Ernst aus.
»Ja, und du, Ernst, darfst den ganzen Tag reiten und fahren!«