3. Kapitel.
Auf dem Lande.

Kennt ihr das Leben auf einem schönen, alten, mecklenburgischen Rittergut? –

Wenn ihr von Reisen lest oder von interessanten Begebenheiten, so sitzt ihr wohl manchesmal nur halb auf dem Stuhl und schlagt hastig eine Seite nach der anderen um. – Jetzt müßt ihr euch einen behaglichen, stillen Winkel suchen, wo euch niemand stört – oder noch lieber eure Hängematte unterm Nußbaum festbinden, wenn ihr so glücklich seid, einen zu besitzen. Die Sonne flimmert durch die dicken, grünen Blätter, und wenn ihr die Augen schließt, glaubt ihr das Gurren der Tauben auf dem Dache zu hören – das ganz ferne Läuten der schwarzbunten Herde – das Scharren und Gackern der Hühner, die ihr Futter suchen.

Auf dem Giebel des Herrenhauses holt die alte Uhr zu lautem Schlage aus – viermal – aber einen Menschen seht ihr noch nicht! Die Leute sind alle beim Heu. Ihr tretet in die nur angelehnte Haustür; eine Klingel gibt es dort nicht, denn zu Fuß kommen selten Gäste und einen Wagen, der vorfährt, wird das Hausmädchen schon bemerken. – Auch die große, hohe Diele ist leer und still. Ernst sehen die Hirsch- und Renntierköpfe von den Wänden mit ihren mächtigen Geweihen. Ein paar prachtvolle Fischreiher und Falken sehen aus, als wollten sie zu euch herunterfliegen mit ihren ausgebreiteten Schwingen. Aber zum Glück sind sie nur ausgestopft! – Durch mehrere große, stille Zimmer führt euch der Weg. Überall nicken Rankrosen und wilder Wein in die Fenster. Auf einmal fahrt ihr erschrocken zurück: dort kommen euch eure eigenen Doppelgänger in ganzer Länge entgegen! – Aber es war nur die Spiegeltür gegenüber, die euch neckte und in der ihr nun auch den wundervollen, alten Ofen mit dem kleinen Säulentempel oben drauf und die weißen und goldenen Wände des Eßsaals erblickt. Schnell brecht ihr den Bann und durcheilt die Tür – aber dieselbe Stille auf den langen, winkeligen Korridoren und der breiten Eichentreppe, die frei nach oben führt zu dem weiten Vorsaal, auf dem oft bei festlichen Anlässen mehr als 60 Personen tafelten. Aber nur im Sommer. Im Winter war er grausam kalt mit seinen vielen hohen Fenstern.

Ja, ja, so war es einmal! Manches wohl unbequem und weitläufig – und deshalb muß ich euch auch mit schwerem Herzen anvertrauen, daß die jetzigen Besitzer das Haus nicht mehr zeitgemäß fanden, womit sie wohl recht haben mögen. – Die alte Uhr ist abgelaufen, der schwere Messingklopfer an der Haustür verstummt. Ein neues, schönes Schloß reckt seine Giebel höher als früher das alte Haus. Zentralheizung und elektrisches Licht sind sicher bequemer als die vielen Öfen und die Petroleumlampen oder gar die Talglichter, mit denen wir noch in früher Jugend zu Bett gehen mußten und die nicht schön rochen, wenn man ihnen den Lebensfaden buchstäblich abschnitt. –

Ob aber das neue Geschlecht bei allem Komfort glücklicher ist, als die alten waren, weiß ich nicht. Gäste traulicher aufnehmen und vor Unbill gastlicher schützen – im Sommer wie im Winter – alle Jahre hindurch – kann auch das neue, stattlichere Dach unmöglich! Viele Herzen schlagen warm und dankbar, wenn sie an das alte, liebe Haus denken, und die schönsten Stunden, die sie verlebt, werden in ihrer Erinnerung wach.

Gerloffs hatten seit Jahren wenig in der alten Heimat gelebt.

Es war ein zu furchtbarer Sommer gewesen, als die Diphtheritis im ganzen Kirchspiel wütete. Keine von den Tagelöhnerfamilien war verschont geblieben; – aus dem einen Hause hatten sie alle Kinder fortgetragen auf den Gottesacker. Hart und stumpf waren manche von den rauhen, stillen Leuten geworden. Der Doktor riet dem damaligen Rittmeister zu eiliger Flucht nach Berlin. Aber davon wollte der gar nichts wissen: »Die miteinander arbeiten, teilen auch die Gefahren miteinander! Das ist so bei Gewitter und Feuer; das war so im Feldzuge, wie sollte es jetzt anders sein, wo es gilt, für das Leben der Liebsten zu kämpfen!«

Er wie seine Frau, die ebenso tapfer von Geist war wie zart von Körper, suchten mit Hilfe des Arztes alles zu tun, was sich zur Pflege der Kranken und zum Schutz der noch Gesunden erdenken ließ.

In solchen Zeiten braucht der »kleine Mann« einen Halt und Führer, er verliert sonst den Kopf. So fest und ausdauernd die Leute bei ihrer harten Arbeit sind, so verzagt und unberaten, ja töricht sind sie oft bei Gefahr und Not. Da war seine leitende Hand ganz unentbehrlich.