Aber mit ihnen denken und sprechen kann man nicht.

In jenem Sommer hatten Herr und Knecht in dunklen Stunden gefühlt, daß sie dieselben Schmerzen litten. Sie hatten miteinander gesprochen als Mann zum Mann – Vater zum Vater. Da waren die Schranken gefallen und nicht wieder aufgerichtet. Nie war hierüber gesprochen, man fühlte aber, es gab Punkte, wo alle hergebrachten und ererbten Formen nichts bedeuten. Es war ein tieferer Ton in das gegenseitige Verhältnis gekommen. Der Gehorsam war größer und freier geworden, – mehr aus innerem Bedürfnis als aus Zwang. Das Befehlen mehr ein Anordnen, bei dem man stets auch die Achtung vor der Persönlichkeit des anderen durchfühlte.

Und so hatte sich zu einer Zeit, wo ringsumher bitter geklagt wurde über schlimme »Leuteverhältnisse«, in Schönfelde ein Vertrauen zwischen Arbeitern und Herrschaft gebildet, was manche der Nachbarn gar nicht begreifen konnten. Und wenn der Rittmeister und seine Frau das warm und beglückend empfanden, so wurde ihnen klar, daß der Herr oft, indem er herbes Leid auferlegt, zugleich auch tief verborgenes Glück schenkt.

4. Kapitel.
Der Einzug.

An dem wichtigen Tage, der die jungen Herrschaften in die alte Heimat führen sollte, herrschte vom frühesten Morgengrauen an rege Tätigkeit in Schönfelde. Einfahrt und Haustüren wurden mit Girlanden geschmückt, der ganze Hof aufs sauberste geharkt, und im Hause war ein geschäftiges Rennen und Laufen. Von Tante Ida bis zur Mamsell, und von der bis zum kleinen Küchenmädchen wollte jeder sein Reich so blitzblank abliefern wie nur möglich. Der Gärtner hatte die schönsten Blumen für alle Vasen gebracht, und Tante Ida hatte das beste Porzellan und Silberzeug aus den eichenen Schränken geholt und das feinste Damastgedeck aus der übergroßen Leinentruhe. Wieder und wieder hörte man ihr Wahrzeichen, den elfenbeinbeschlagenen Handstock, mit dem sie das rechte Bein unterstützte, hin und her eilen. Wie klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken, ob der heißgeliebte Bruder mit allem zufrieden sein würde, ob die zarte Schwägerin, die so viel jünger und verwöhnter war als sie selber, sich nun dauernd heimisch einleben möchte in der alten Heimat, die sie selber mehr liebte als alles in der Welt! Von Herzen freute sie sich, für ihren allmählich etwas müde gewordenen Körper mehr Ruhe zu bekommen, die große Verantwortung loszuwerden.

Aber wie würde es ihr nun eigentlich vorkommen, wenn nicht mehr an sie jede der ungezählten Anfragen sich richtete, wenn das große Schlüsselbund in anderen Händen klirrte – wenn die Leute aus dem Dorfe nicht mehr mit jeder Not zu Fräulein Ida kamen, wie sie hier seit ihrem vierzehnten Jahre – seit bald vierzig Jahren – hieß! Sie preßte die Hand auf das unruhig klopfende Herz, wie um ihm Ruhe zu gebieten. »Das findet sich alles – die Hauptsache ist, daß sie sich hier einleben!«

So hatte sie auch betreffs der häuslichen Anordnungen gedacht. Der Bruder war immer schwer für eingehende Besprechungen zu haben, und die Schwägerin war zu zartfühlend und zu vorsichtig gewesen, um von fern und schriftlich Anweisungen geben zu mögen über die künftige Einrichtung des Hauses. Beide hatten noch einmal kommen wollen, um alles zu bereden. Als aber eine leichte Erkrankung der Majorin das vereitelte, hatte der Bruder mit militärischer Kürze geschrieben:

»Die Sachen kommen Mittwoch auf dem Bahnhof an. Schickt für jeden Möbelwagen vier Pferde und ladet vorsichtig aus. Auf der Diele der roten Scheune kann alles stehen bleiben, bis wir da sind. Mündlich mehr. – Else läßt bitten, die Damastmöbel aus ihrem Zimmer zuzudecken, damit sie nicht leiden; na, Du weißt, Stadtdamen sind vorsichtig für ihre Prachtstücke. Dein Hans Günther.«