Sie hatte doch den Kopf schütteln und lachen müssen. Die prachtvoll geschnitzten Möbel ihrer Schwägerin tagelang auf der Scheunendiele stehen lassen; die braven, aber nicht gerade sauberen Hände der Knechte auf dem zarten, gelben Seidenstoff! – Nein, Bruder, bei allem Respekt vor deiner Einsicht – das geht nicht!

Und sollte sie erst alles lassen, wie es zu der seligen Eltern Zeit gewesen? Und dann müßte die so weich empfindende junge Frau die durch die Erinnerung geheiligten, aber für nüchterne Augen natürlich teils altersschwachen Sachen beiseite schieben? Das würde schwere Stunden verursachen und konnte einen Schatten auf den ganzen Anfang werfen. Da hieß es, lieber dem Herzen einen Stoß geben und selber den schweren Schritt tun!

Sie rief ihre braven Truppen zusammen: die Frau des Saathalters, des Schäfers, des Kuhhirten und des Vorknechts, die alle in ihrer Mädchenzeit auf dem Hofe gedient hatten und mit jeder Einzelheit bei der Arbeit ganz genau vertraut waren. Mit ihrer Hilfe wurde eine wahre Sintflut veranstaltet; und als dann die Möbelwagen vorgefahren waren, konnte jedes Stück gleich an Ort und Stelle gebracht werden. Die schönsten von den alten Sachen waren in den Saal gekommen und in die beiden danebenliegenden Zimmer, die hauptsächlich für größere Geselligkeit benutzt wurden und für die die Möbel der Geschwister nicht ausreichten. Deren Sachen kamen in die früheren Zimmer der Eltern, denen sie einen unbeschreiblichen, neuen Reiz verliehen. Tante Ida mußte das Ganze immer wieder bewundern. Ja, sie hoffte, die Lieben sollten zufrieden sein! Was würde Hans Günther wohl zu der Diele sagen? Früher war sie mehr nur Durchgang gewesen. Jetzt sah sie unendlich anheimelnd aus mit des Vaters uralten Eichenmöbeln. Noch einmal wollte sie alles prüfend durchwandern, da knirschten draußen die Räder auf dem Kies und die Jagdhunde schlugen an.

Erschrocken eilte sie an die Klingel. Aber da kannte sie Marieken schlecht! Die stand bereits an der weitgeöffneten Haustür und strich verlegen und brennend rot an der weißen Schürze herunter, bis der Wagen hielt und sie ihren Gefühlen Luft machen konnte, indem sie hastig und dienstbeflissen Decken, Schirme und Taschen an sich riß.

»Halt, halt – meinen Handstock laß mir! Die Waffe gibt ein Soldat nicht her!« wehrte der Major vergnügt ab, und hob dann seine Frau selber aus dem Wagen. Aber Hanni wartete nicht auf irgend eine Hilfe, sondern sprang eilig an allen vorbei auf ihre Tante zu.

»Tante Ida, Tante Ida! Endlich sind wir da!« jubelte sie. »O, es ist zu, zu schön!« Es war ein stürmisches Durcheinander, und erst nach geraumer Zeit konnten die Angekommenen sich näher umsehen.

»Wie ist es doch gemütlich und heimisch hier!« rief der Major aus, sich glücklich in der alten Diele umsehend. »So schön hatte ich’s gar nicht in Erinnerung! Hier lasse ich mich häuslich nieder und gehe überhaupt nicht weiter.«

»Vater, Vater, o komm hierher,« rief Hanni erregt. »Nein, ganz wie zu Hause!« Sie stand mitten in ihres Vaters Zimmer und sah durch die Flügeltür in das schöne Wohnzimmer ihrer Mutter. – Jetzt erst begriffen die Eltern die Veränderung gegen früher, und tief gerührt faßte der Major seine treue Schwester um die Schulter.

»Liebe, gute Seele – was hast du denn gemacht? Das ist alles schon in schönster Ordnung für uns, und wir brauchen uns bloß reinsetzen in das warme Nest! Das ist ja zu schön! Sieh doch, Else – dort dein Nähplatz am Fenster – dein Schreibtisch! – Nein, sieh doch, die Sessel dort am Kamin! Du bist ja eine goldene Schwester! Das vergeß ich dir nie! Else war so müde seit der Krankheit neulich und hatte so große Angst vor all der Umwälzung! Aber wo ist denn Mutters Zimmer geblieben?«

»Kommt mal mit! Ich dachte, es würde euch so recht sein: Mutters Sachen habe ich ganz nach oben genommen. Ich bin ja nun selbst ein altes Mütterchen und gebrauche einen bequemen Winkel! Und für meine kleinen, zierlichen Möbel aus der Mädchenzeit hatte ich eine andere Verwendung.«