Auch oben wurde mit größtem Behagen alles in Augenschein genommen; aber auf einmal wurde die Gesellschaft durch einen lauten Schrei des Entzückens aufgeschreckt. Hanni war ans Ende des kleinen Korridors vorgedrungen, an dem Tante Idas Zimmer lagen – seitwärts vom großen Vorsaal, auf den alle Gaststuben führten. Als sie nun die Tür zu dem kleinen Raum öffnete, wagte sie nicht, den Fuß hineinzusetzen, so schön erschien ihr das, was sie dort sah!

Alles war klein und zierlich, sogar die weißlackierten Fenster, die – weit geöffnet – einen entzückenden Ausblick boten über den in herrlichstem Frühlingsschmuck daliegenden Park, auf die grünen Rasenflächen, die weißen Brücken, die zwischen dunklen Taxusbüschen in leichtem Bogen über die klaren Teiche führten.

Duftende Rosen und Goldlacktöpfe standen in einem zierlichen Blumenständer; am Fenster lud ein altmodisches Nähtischchen, mit allem angefüllt, was fleißige Hände nur wünschen können, zum Gebrauch ein. Ein kleines Sofa war mit hellgeblümtem Stoff überzogen, ebenso der verlockend bequeme, alte Sessel in der Ecke unter dem Schatten der Stubenlinde. Aber das Allerschönste schien das Schreibpult aus hellem, glänzendem Birkenholz mit schönen Elfenbeineinlagen. O, all die Schubfächer oben und unten – und noch ganz versteckte, die erst das kundige Auge entdecken konnte! – Und über allem der rosige Schein der Ampel, die an feinen Ketten von der Decke hing.

»Tante Ida, Tante Ida! Was ist das hier? Wohnt hier eine Fee?«

»Ich glaube nicht! Oder bist du eine? Seht,« sagte sie, »dies sind meine kleinen, alten Sachen. Hans Günther, kennst du sie noch?«

»Nein, wirklich nicht, – in diesem neuen Gewande nicht! – Bloß hier das geheime Fach! O ja, das weiß ich noch genau! Das wollten wir so gern aufmachen, weil du dein Tagebuch dort verwahrtest. Aber dazu gehörte ein heimlicher Schlüssel, oder ein Kniff – ich weiß nicht mehr!«

»Sollst du auch nicht, das kriegt niemand zu wissen als Hanni! Es liegt wieder ein Tagebuch drin, aber ein leeres.«

Hanni brauchte viel Zeit, bis sie alles gesehen und bewundert hatte. Sie drückte und preßte ihre Tante so, daß der Vater meinte, sie solle sie doch wenigstens heute noch am Leben lassen. Endlich machte die kräftig erklingende Glocke, die zum Teetisch rief, ein Ende; und als die Familie zusammen saß, bemerkte die gute Tante erst, wie schwach und angegriffen ihre Schwägerin noch aussah. Unendlich dankbar für alle Liebe und Fürsorge, ließ sie sich gern bald zur Ruhe geleiten.

»Ida, du bist zu gut – du nimmst mir ja rein alles ab! Wie soll ich dir das jemals danken?«

»Dadurch, daß ihr euch hier glücklich fühlt.«