»Du, ich fände es viel netter, wir machten das gleich selbst, meinst du nicht? Sieh, diese Schublade hatte ich immer für meine Wäsche, die dort oben für die Kleinigkeiten. Im Schlafzimmer ist der Schrank für die Kleider und die Borte für das Schuhzeug. – So, das sieht gleich ganz anders aus. – Und nun finde ich, in der Stadt sind sie ja so sehr fürs Turnen, und das ist sicher auch ausgezeichnet. Dafür gibt es hier aber nicht so recht die Vorrichtungen. Trotzdem können wir überreichlich genug Bewegung haben, und da macht es mir immer besondere Freude, wenn auch gleich ein Nutzen dabei ist! Sieh, wir leben ja hier soviel gemeinsam mit unseren guten Leuten, die sich selbstverständlich ihre Gedanken machen über unser Treiben und sich nur in unserer Nähe glücklich fühlen, wenn ihnen das verständlich ist. Sie müssen immer arbeiten. – Daß unsere Arbeit vielfach anderer Art ist als die ihre, begreifen sie durchaus. Aber reines Umherlaufen und Nichtstun würde ihnen abstoßend erscheinen. Meinst du nicht, daß es für unsere Glieder gut sein würde – für meine, damit sie geschmeidig bleiben und für deine, damit sie Kraft bekommen –, wenn wir unsere Sachen gleich selbst in Ordnung brächten? Hier habe ich niedliche, neue Bürsten, Besen und Tücher. Ich werde dir zeigen, wie man alles macht, und ich glaube, es bringt dir Spaß, dann ganz allein Herrscher in deinem kleinen Reiche zu sein.«
Hanni rüstete sich mit großem Eifer wie zu einem Feldzug. Ja, Ordnung liebte sie gewiß, hatte sie auch stets in ihrem Berliner Stübchen gehabt. Aber leider mußte sie sich wohl gestehen, daß sie das Aufräumen der gutmütigen Lisbeth überlassen hatte. – Es dauerte nicht lange, da war alles wieder so schön wie gestern beim Eintritt.
»Und so halten wir es immer, nicht, du?« meinte Tante Ida, als sie noch einen Blick der Befriedigung zurückwarf. »Und nun sind wir hungrig wie die Löwen, nicht wahr, und wollen die Eltern nicht warten lassen.«
Wirklich, sie saßen schon beim Tee, und nun hatte Hanni soviel zu berichten, zu fragen und zu schildern, daß zum Essen trotz allen Hungers kaum Zeit blieb. Desto stiller wurde sie, als die Mutter den Unterrichtsplan aufs Tapet brachte. Freilich meinte der Vater: »Ach, das Mädel hat ja zeitlebens nichts weiter getrieben als Wissenschaft. Gebt ihr nun doch erst mal Freiheit. Laßt sie von Ida lernen, was sie von Haus und Garten wissen muß, damit sie auch solche Goldschwester wird wie die und nicht solche langweilige, gelbe Rübe wie die studierten Staatsratstöchter.«
»Nein, Hans Günther, das wird sie sicher nicht. Aber für das alles haben wir auch nebenher unsere Zeit, nicht wahr, Mäuschen? Das ist unser Geheimnis. Im übrigen aber muß ich doch Else recht geben: einen ordentlichen Schulsack muß sie erst haben. Den haben wir auch gehabt. Weißt du noch, wie Vater darauf bestand, daß wir es mit der Schule genau nahmen, trotzdem du nicht immer darüber begeistert warst?«
»Schwester, Schwester, berühre keine alten Wunden! Aber recht habt ihr wohl. Mir ist bloß angst vor solcher gestrengen Gouvernante, die uns dann jeden Spaß verdirbt.«
Tante Ida mußte sehr lachen. »Mademoiselle vite, vite, wie du sie nanntest, steckt dir doch noch recht in den Gliedern! Aber ich glaube, wir brauchen gar keine, eben weil wir alle unsere Sache ernst genommen haben. Herr Pastor sprach neulich sehr erfreut davon, daß du an ihn geschrieben. Er wird gern Hanni an Klärchens Stunden teilnehmen lassen, und ich glaube, er ist recht auf der Höhe. Wenn sie nun jeden Morgen mit dem Pony hinüberführe und nachmittags versuchten wir hier unser Heil! Was meinst du, Else? Klavierstunden willst du ihr sicher geben? Du spielst so schön.«
»Meint ihr, daß es noch reicht? Ach ja, ich denke, es soll gehen. Und Handarbeit mußt du ihr zeigen, Ida; darin bist du Künstlerin!«
»Gewiß, zu gern!«
»Und Literatur wollten wir doch miteinander treiben, Tante Ida – bitte!«