»Böse Tante Ida,« wehrte die Kleine ab, indem sie sie tüchtig drückte und küßte. »Ich meine, wenn er irgend einen kleinen Besitz für sich allein hat, wenn er sieht, daß man ihm Freude machen will und niemand ihn stört, das müßte ihm so gut tun!«

»Ganz sicher, mein Mäuschen, und du kannst ihm seinen kleinen Zwinger so schön machen wie du willst. Wenn du Hilfe brauchst, so bitte nur meine Luise.«

Mit Feuereifer begab sich Hanni an die Arbeit. Der Hausboden war ein wunderbares Feld für ihre Forschungen. Hoch getürmt standen dort alte Kinderbettchen, Spinnräder, seltsame Geräte, von deren Gebrauch sie sich gar keinen Begriff machen konnte. Besonders verheißungsvoll erschien ihr eine schwere Kiste, die abseits stand – und wirklich, als mit Mühe der Deckel gehoben war, konnten die Augen gar nicht gleich alles fassen, was sich ihnen bot. Die seltsamsten, ganz alten Spielsachen kamen zum Vorschein. Sorgfältig eingewickelte, übergroße Puppen in verblichenen seidenen Kleidchen, allerliebstes Kochgeschirr, kleine Waffen und Handwerksgeräte für Jungen. Sie war überglücklich über ihren Fund und lief zur Tante, um zu fragen, ob sie von den Sachen aus der Kiste welche herunterholen dürfe.

Diese wollte selber mitkommen, um nachzusehen, wies dann aber ganz erschrocken auf ihren Adjutanten: »Kind, wie siehst du wieder aus! Ist es nun recht, sich in einer Viertelstunde von oben bis unten einzuschmutzen – bloß aus Unachtsamkeit? Kannst du denn nicht an die Überschürze denken?«

Kleinlaut holte Hanni die immer wieder vergessene, – und dann ging’s von neuem an die Arbeit. Tante Ida fand ganz gerührt allerhand Sachen aus ihrer eigenen Kinderzeit wieder, und mit Mariekens Hilfe wurde alles, was man für die kleinen Gäste brauchbar fand, gesäubert und einigermaßen hergerichtet, und bald war Ernsts Reich ein wahres kleines Jungenparadies. Für die Zwillinge und Käte wurde auch gesorgt, und Hanni konnte kaum ihre Ungeduld bändigen, bis sie ihnen alles würde zeigen können.

Endlich fuhr der Wagen vor, und mit großem Getümmel krabbelte die ganze »Kinderei«, wie Tante Ida sie nannte, aus der Kutsche hervor. Gab das ein Begrüßen und Küssen, ein Staunen und Fragen! Alles, alles war ja neu – eine ganze Welt von Wundern und Entzückungen, deren Pforten wie mit einem Zauberschlage weit aufsprangen, so daß die Augen geblendet waren von der Lichtfülle.

Erst etwas scheu, dann aufs höchste interessiert, gingen die Stadtkinder von einem Zimmer ins andere. Alles war so fremdartig, so hoch und weitläufig, wie sie es nie gesehen. Als die Zwillinge ihr Doppelbild in der Glastür erblickten, steckten sie zuerst scheu die Köpfe weg. Als aber die Spiegelbilder das gleiche taten, gab es einen endlosen Jubel. Der Bann war gebrochen, laut lachend rannten sie hin und her durch die »blanken Fenster«, dann Ernst voraus und sie jauchzend hinterher durch die andere Glastür in den Garten. Erschrocken eilte Frau von Platen herbei, um Ruhe zu gebieten. Aber der Hausherr wehrte ab. »Das lassen Sie nur hier ganz auf sich beruhen, liebe Cousine. Mögen sie sich ruhig austoben, soweit die Kräfte reichen, das ist so gesund! Und wir brauchen’s ja nicht anzuhören! Hanni ist hier auch schon beinahe zum Jungen geworden, was das Rennen und Klettern anbetrifft. Ja, auch Purzelbäumeschlagen, nicht wahr, du Hummel?«

»Aber Vati!«

»Na, laß man! Die großen Mädels werden schon auf die Jungen achtgeben – und außerdem habe ich den Gärtnerburschen angewiesen, nach ihnen zu sehen und ihnen zurechtzuhelfen. Gehorchen tun sie doch aufs Wort?«

»Sicher, dafür stehe ich ein.«