»Gut, dann seien Sie ganz ruhig, ihnen kann nichts geschehen. Und daß sie kein Unheil anrichten, dafür wird gesorgt. Nun wollen wir’s uns gemütlich machen. Sie sollen sich hier ordentlich ausruhen.« Damit bot er der reisemüden Frau den Arm, und es gab eine schöne, friedliche Feierstunde auf der vom Abendschein beleuchteten Veranda. Auch für die Kinder war ein hübsches Tischchen abseits gedeckt, aber einstweilen waren sie noch nicht imstande, stillzusitzen. Als der ganze, große Park einmal im Galopp in Besitz genommen und ein schneller Abstecher in die eben reif werdenden Johannisbeeren gemacht war, ging’s noch in den Pferdestall, um zu sehen, was die schönen Goldfüchse fraßen, die sie von der Bahn geholt hatten. Endlich traten auch bei ihnen die leiblichen Bedürfnisse in ihr Recht. Bis sie sich aber soweit beruhigt hatten, daß an Einschlafen zu denken war, dauerte es noch lange. Besonders Ernst mußte durch einen Machtspruch der Mutter befördert werden, denn als er gesehen, was für Schätze seine Stube barg, hätte er am allerliebsten noch mit jedem Stück gespielt.

Als sie den Kleinen zu Bett geholfen hatten, kamen auch Hanni und Käte dazu, sich häuslich einzurichten. »Nein, Hanni, Briefe können doch wenig sagen. So schön hatte ich’s mir doch lange, lange nicht gedacht! Ich komme mir vor wie eine Prinzessin mitten im Märchen! Wirklich! Als wir so in der schönen Kutsche saßen, Hinrich mit den blanken Tressen und die prachtvollen Pferde mit den Silberbeschlägen – alles für uns –, dann die Felder, der Wald, der See an den Fenstern vorüberflogen – –«

»Na, ich finde, fliegen tut es nun gerade nicht bei Hinrich! Ich treibe ihn immer zur Eile an, aber er hat schreckliche Angst für seine Pferde!«

»Doch vor meinen Augen flog und tanzte alles, und ich mußte mich mehrmals in den Arm kneifen, um zu fühlen, ob ich es wirklich selbst noch sei. Stelle dir doch das Lärmen und Fauchen unserer Vorortszüge vor, wenn wir mal ins Freie wollen. Dies Gedränge auf den Bahnhöfen, das Klingeln auf der Elektrischen! All diese gräßlichen Einrichtungen machen es, daß ich oft lieber ganz zu Hause bleibe, unsern Gummibaum und unsern Piepmatz ansehe, und mir dann einbilde, ich wäre im Freien! Aber Hanni, jämmerlich armselig ist das doch! Und nun frage ich dich, ob nicht Lena das größte Schaf unter Gottes Sonne ist, dich immer noch wegen des Landlebens zu bedauern?«

»Tut sie das wirklich? Ja, das ist in der Tat komisch! Sie meinte ja auch, die Zeit würde mir lang werden! Das ist unglaublich dumm. Erstens könnte sie mir überhaupt niemals lang werden, auch wenn ich allein in eine dunkle Kammer gesperrt wäre! Denk doch bloß, was man sich alles ausmalen kann! Die ganze Welt und das lange Leben liegt doch vor einem! Ich bin ja zu, zu gespannt, was man alles erleben wird. Wenn ich zum Beispiel nachmittags in der Schaukel sitze und so leise hin und her fliege, die großen Linden über mir, die schwarzen Taxus und hellen Ahorn auf dem wunderbar grünen Rasen gegenüber, dann ist mir, als führte zwischen dem Gebüsch eine geheime Pforte in die Zukunft hinein und ich könnte nun mit meinen Gedanken vordringen von einem Raum zum anderen, Menschen und Gegenden und Vorgänge vorweg sehen, und der flimmernde Sonnenschein vergoldet alles. Ist es ein trüber, beschatteter Tag, so kommen mir leicht die Bilder wehmütig und traurig vor die Seele. So gehen mir Stunden und Stunden hin, wenn niemand mich stört. Und wenn die Glocke dann ruft, schrecke ich auf und muß durch einen tiefen Schacht erst wieder herauf an die Oberwelt – oder durch einen Zauberwald einen weiten Weg in der Hast zurück – es tut ordentlich weh. Aber Mutti und Tante Ida lassen mir nicht allzuviel Zeit für meine einsamen Reisen. Es ist eben immer etwas zu tun, und das mag ich ja auch furchtbar gern!«

»Hanni, soviel Erlebnisse hattest du aber früher noch gar nicht. Mir kommt es beinahe vor, als wärest du hier erst du selbst geworden! Du gehst viel fester, deine Stimme ist viel klarer. Wovon kommt das?«

»Ja, du, das kann ich wirklich nicht sagen. Aber eins ist gewiß: es war immer etwas in dem Hin und Her, dem Vielerlei, dem lauten Geräusch, was mir den Atem und die volle Sammlung nahm. Im Zimmer kann ich höchstens im Dunkeln den Eingang zu meinem Märchen- und Zukunftsland finden. Aber so recht öffnet er sich nur im Freien. Und wo sollte das sein in der Stadt, wo man nie allein in Gottes freier Natur ist? Sind wir dort draußen, so muß jemand zum Schutz bei uns sein; ein großes Unglück, wie mir scheint! Denn in der Natur möchte alles, alles mit uns sprechen: jeder Busch, die zarten Gräser und Blümchen! O, das murmelnde Wasser hat soviel zu erzählen! Das Rauschen in den Tannen, das Flüstern in den silbernen Blättern, die schnellhuschenden Lichter und Schatten! Aber sie können nur zu einem sprechen, wenn man still und allein ist. Und das ist in der Stadt nie der Fall. Deshalb denke ich immer: die armen, armen Seelen, die nie dazu kommen, alle diese Stimmen zu vernehmen!«

Käte sah nachdenklich ins Weite. Die beiden waren hin und her durch die dämmernden Parkwege geschlendert; jetzt standen sie still vor einem mit schwankendem Farnkraut eingefaßten Teich, auf dem in leuchtendem Weiß die Seerosen sich von der schwarzen Tiefe abhoben. Aus dem Grunde klang klagend ein Unkenruf herauf; ein leiser Schauer rieselte Käte durch die Glieder.

Aber da stieg klar und silbern der Vollmond hinter den Tannenwipfeln empor und verklärte alles mit seinem Licht.

»Ja, Hanni, dies ist zu schön. Hier muß einem das Herz weiter und besser werden!«