Still suchten beide ihr Lager auf. Als Käte das Licht gelöscht hatte und den verflossenen Tag noch einmal an ihrem inneren Auge vorüberziehen ließ, dachte sie bei sich: »Es ist eigentümlich: trotz allen Glückes wird man hier, glaube ich, ernster. Was haben wir zurecht gelacht, als Hanni vorigen Herbst die acht Tage bei uns wohnte. Mutti konnte uns oft abends nicht zur Ruhe kriegen. Danach ist mir hier gar nicht zumute. Dies ist schöner und größer und stiller.« –
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Aber auch Lachen und jugendlicher Übermut kamen zu ihrem vollen Recht. Als die ganze Gesellschaft eines Nachmittags um den Kaffeetisch saß, kam der Major etwas verspätet und sehr erhitzt vom Felde herein. »Ida, des alten Harders Andenken wollen wir doch recht in Ehren halten; einen großartigen Roggen mähen wir dort hinten an der Buchdorfer Scheide. Übrigens, Nachbar Rantzau ritt vorbei und läßt sich bestens empfehlen. Er wollte gerade her, zu bitten, daß wir alle am Sonntag den Geburtstag seiner Frau möchten feiern helfen. Natürlich Sie mit, liebe Cousine! Auch das ganze Kroppzeug soll kommen. Die Jungen dort haben auch Ferien; dann sind noch die Parchimer Verwandten da und einige Nachbarn werden erwartet. Sie wollen für die junge Bande eine Extratafel decken in der Halle. Das wird ja was für euch Mädels! Sind die Fahnen geplättet und die Tanzbeine geschmiert?«
»O fein, Vater; das wird ja ein Spaß! Oda sagte schon öfter, ihrer Mutter Geburtstag sei immer der schönste Tag im ganzen Jahre. Käte, paß auf, was du da zu sehen kriegst!«
»Ja, ist es auch nicht zu feierlich? Eigentlich habe ich ein bißchen Angst vor dem Schloß und der ganzen Herrlichkeit!«
»Ach, was ein Unsinn! Du sollst sehen, sie sind furchtbar nett, alle miteinander. Oda liebe ich direkt, das ist die Älteste; Gertrud ist von meinem Alter und auch ein gutes Tierchen. Die kleinen Buben sind goldig und werden zu Max und Moritz passen. Und die Kadetten sollen auch nette Kerle sein; Gertrud ist wenigstens riesig stolz auf sie. Ein klein bißchen verdreht sind ja die Kadetten leicht, aber das geht so mit hin. Weißt du, wie alt die Vettern sind, Vater?«
»Wer kann das alles wissen! Hermann Schack ist Student, Felix von Alten wird wohl Primaner sein! – Jedenfalls kriegt ihr Tänzer genug, darüber braucht ihr euch nicht zu grämen,« neckte er.
»Nach Grämen ist uns auch nicht zumute,« rief Hanni und folgte Käte in den Obstgarten.
»Du,« fragte Frau von Platen ihre Cousine, als die Kinder fort waren, »ist Hermann Schack der Sohn von dem Münchener, der vor einigen Jahren die zweite Frau nahm? Ich hörte von deiner Cousine Lucie, der Vater habe so großen Kummer an dem ältesten Sohn.«
»Von Lucie,« schalt der Major, »die alte Klatschbase weiß doch auch immer die Sorgen ihrer lieben Mitmenschen! Aber daß sie schon je einem welche abgenommen, habe ich noch nicht gehört. Die Schacks sind mir wirklich alle miteinander viel zu gut für ihre Zunge. Sie haben schwere Zeiten durchgemacht, gerade auch Hermann, der ein feiner Kerl ist. Er hat furchtbar gelitten durch den Tod der Mutter, die ihm alles war. So lange sie lebte, stand er auch mit dem Vater ausgezeichnet, denn sie liebte beide so innig, daß sie immer die Brücke zu schlagen wußte zwischen dem schlichten, geraden Vater und dem komplizierten und heißblütigen Sohn. Es war wirklich ein wunderschönes Zusammenleben mit den Dreien. Desto größer war dann der Jammer. Beide, Vater und Sohn, hatten ihr Bestes verloren. Aber bei ihrer ungleichen Art äußerte sich ihr Schmerz dermaßen verschieden, daß sie einander allmählich fremd wurden. Der fromme Vater suchte einfach und ehrlich seinen Trost bei Gott, so wie sein Vater und Großvater es getan, und er verlangte dasselbe von seinem Sohne, der sich gerade in einer schwierigen Übergangszeit befand. Er stand unter dem Einfluß eines ganz ungläubigen Lehrers, der ihm aber als edler Charakter sehr imponierte. Wenn er nun mit seinen Ansichten heimkam, geriet der Vater außer sich und verwünschte den ›Seelenmörder‹ seines Jungen, was diesem natürlich über die Maßen ungerecht vorkam, zumal er seinen Vater, der es wenig verstand, seine Gefühle auszudrücken, poltern und schelten hörte, während der Gelehrte seine Meinung klar und einleuchtend zu begründen verstand. Der Lehrer bekam den Glorienschein des Märtyrers, und der Junge schloß sich ihm immer mehr an.