»O, keine Sorge! Kann einem Manne von meinen Vorzügen gar nicht fehlen.« Damit schlug er stolz auf seine Brust, auf der die blanken Knöpfe funkelten.
Alles war bald geordnet, und der Hausherr kam aus dem Saal herüber, um nach dem Ergehen der Jugend zu sehen. »Nun, ihr jungen Herrschaften, hat jedes, was es sich wünscht? – Aber was ist denn das? Mein lieber Hermann, keine Dame gefunden? Alle zu schade? Oder keine gut genug? Nein, ein leichter Schritt ist es auch nicht; der Wahn ist kurz, die Reu ist lang! Aber das viele Besinnen hat dann zur Folge, daß man ganz allein bleibt! Wie wär’s hier? Da findet sich noch ein nettes Plätzchen unter dem Schutz unserer neuen, jungen Nachbarin. Die kann schon zwei Kavaliere fesseln, denn sie hat zwei Seelen: eine Berliner und eine ländliche. Nicht wahr, mein Hannchen?«
»Nein, Onkel, das hoffe ich doch nicht. Übrigens, Berlin hat eigentlich – wenigstens in meinen Augen – mit Seele nicht viel zu tun. Meine ist jetzt hier zu Hause!«
»Gut, Kind, desto besser! Na, dann vertragt euch alle miteinander und paßt auf eure Nachbarn, daß sie nicht zuviel Erdbeerbowle trinken – und auf eure Nachbarinnen, daß ihr Glas immer gefüllt ist! – Prosit!«
Als das fröhliche Mahl sich nach und nach zum Ende neigte, wartete eine große Überraschung auf die junge Gesellschaft. Von der Blumenhalle herüber erklangen weiche, fremdartige Töne. Es waren Harzer Bergleute, die von Ort zu Ort zogen und die der Gastgeber für diesen Abend zur besonderen Überraschung seiner Gattin herbestellt hatte. Auf dem Lande ist man nicht verwöhnt durch häufige Musik; so lauschten alle mit wahrer Freude den schönen, reinen Klängen, und bald zerstreute sich die Gesellschaft in den Gartenwegen, die nun vom flimmernden Mondschein unsicher und träumerisch erhellt waren. Zu Hanni gesellte sich ihr einsilbiger Tischnachbar zur Rechten, den sie während des Essens vergebens versucht hatte, ins fröhliche Gespräch mit hineinzuziehen – er war immer wieder verstummt. Jetzt fragte sie ihn, ob er sich unwohl fühle, weil er bei Tisch so schweigsam gewesen.
»Nein, durchaus nicht; aber es ist mir zu unangenehm, irgendwo zu stören. Ihr Tischherr hatte ein Anrecht an Ihre Unterhaltung, da mochte ich nicht dazwischenkommen.«
»Aber ich bitte Sie, wir hatten uns wahrlich nichts Wichtiges zu sagen. Was mich störte, war ein so finsteres Gesicht, wie Sie es machten.«
»O, wirklich? Nach meinem Gesicht hat sonst noch nie jemand gesehen.«
»Da irren Sie sicher! Ich sah es wohl, und mir nimmt es die Freude, wenn jemand neben mir traurig aussieht. Mutti sagt, wenn man als Gast sich nicht wohl fühlt, muß man an etwas recht Nettes denken, damit die Wolken vergehen. Denn für die Gastgeber wäre es doch schrecklich, wenn sie etwas davon merkten. Wie denken Sie, wäre wohl heute abend die Tafel gewesen, wenn alle ebenso starr und schweigsam dagesessen hätten wie Sie?«
Dabei versuchte sie, ihr sonniges Gesicht in tiefe, böse Falten zu ziehen, was so komisch aussah, daß ihr Begleiter laut auflachen mußte. Zum erstenmal zeigte sich jetzt, wie lebhaft und sprechend seine Züge waren, wie schneeweiß die Zähne, und wie das Lachen die schwarzen Augen strahlend machte. Aber ebenso schnell war dies freundliche Bild verwischt, als aus einem Nebenwege Felix von Alten auftauchte und eifrig begann: »Gnädiges Fräulein, wir müssen eilig hinein! Hören Sie nicht, daß die Polonäse beginnt?«